Dieses gewisse Klick

Von Wiens „Interessantem Blatt“ bis zu „Look“ und „Life“: wie die Bilder in die Zeitung kamen. Über den Aufstieg des Fotojournalismus – und seinen Untergang zwischen Kätzchenschnappschüssen und Selfie-Manie.

Mitte Mai 1903 fand im Wiener Vorstadtlokal „Zum grünenTor“ eine „Männerschönheits-Konkurrenz“ statt. Der Andrang im Saal war gewaltig. Die Konkurrenten präsentierten sich in knapp sitzenden Unterhosen und in eingeübten Posen. Zum Sieger wurde der Student Raimund Walter vom Wiener Athlethiksportclub gekürt. Tage später erschien ein Foto mit der halb nackten Männerrriege auf der Titelseite des „Interessanten Blattes“, der größten österreichischen Illustrierten der k. u. k. Monarchie.

Entblößte Männer als Aufmacherbild – das wäre noch wenige Jahre davor undenkbar gewesen. Nun, um 1900, änderten sich die journalistischen Zeiten, und zwar rasant. Was war geschehen? Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts begannen viele Wochenzeitungen im deutschsprachigen Raum, erstmals Fotos zu drucken. Bisher hatte es in den Zeitungen entweder gar keine Fotos (sondern nur Zeichnungen) gegeben oder händisch aufwendig bearbeitete Holzstiche nach Fotografien. Nun konnten Fotos in Formgerasterter Bilder unmittelbar reproduziert werden. Es begann das Zeitalter der fotografischen Öffentlichkeit.

Wir haben uns heute an die allumfassende Präsenz von fotografischen Bildern in den Medien derart gewöhnt, dass wir die Anfänge dieser Medienrevolution und die enormenFolgen gern vergessen. Millionen Bilder wurden seither aufgenommen, um auf Zeitungsseiten gedruckt und von neugierigen Lesern betrachtet zu werden. Die fotografische Bebilderung der Welt hat unsere Sicht auf die Wirklichkeit erheblich verändert. Erst in der auflagenstarken illustrierten Presse erhielten die Textnachrichten ein fotografisches Gesicht. Politiker, Schauspieler und viele andere Protagonisten des öffentlichen Lebens erhielten ein wiedererkennbares Image, Katastrophen und Unglücksfälle wurden erst in Bildern zu Sensationen, Sportler erst in dramatischen Momentaufnahmen zu Stars. Um diesen folgenreichen Einschnitt in der Geschichte der Massenmedien ermessen zu können, reicht ein kleines Gedankenexperiment. Denken wir uns aus allen heutigen Medien die Bilder weg. Wir hätten schwer lesbare Textwüsten vor uns.

Wenden wir daher unseren Blick zurück und fragen wir: Wie sind denn die Fotos überhaupt in die Zeitung und damit in die Öffentlichkeit gekommen? Und: Welche Wege hat der Fotojournalismus seither zurückgelegt? Die Wiener Männerschönheitskonkurrenz ist ein guter Startpunkt für diese kleine Zeitreise. Denn sie zeigt sehr anschaulich: Die beginnende Fotoberichterstattung war keineswegs Errungenschaft der bürgerlichen Tagespresse, die noch lange an der bilderlosen Zeitung festhalten sollte. Der Fotojournalismus entstand vielmehr im Fahrwasser der Boulevardpresse, die die Fotografie ganz gezielt als Mittel der Auflagensteigerung einsetzte. William Randolph Hearst, einer der Begründer der amerikanischen Yellow Press, schrieb 1887, am Beginn seiner journalistischen Karriere, über die Funktion von Illustrationen in der Boulevardpresse: Sie „verschönern eine Zeitungsseite. Illustrationen ziehen das Auge an und stimulieren die Fantasie der Massen. Gerade für den ungeübten Leser sind Bilder von großer Bedeutung.“


Verkaufsargument Fotografie

Die amerikanischen Verleger lernten diese Lektion sehr schnell, die Europäer folgten bald nach. Von nun an kündigten die Titelblätter die Sensationen im Inneren der Zeitung bildgewaltig an. Die Seiten füllende, oft überraschend inszenierte Fotografie wurde zum entscheidenden Verkaufsargument. Als die Wiener Wochenpresse ab den 1890er-Jahren zunehmend auf den Einsatz fotografischer Bilder setzte, war sie vom Erfolg der Boulevardtagespresse getrieben. Diese konnte in den Jahren um 1900 ihre Auflagen stark steigern. Die bereits bestehenden illustrierten Wochenzeitungen reagierten auf den Trend des Boulevards. Die Themen der Berichterstattung wurden breiter, populärer, sensationslüsterner. In der auflagenstarken populären Presse wurde über alles berichtet, was einem Massenpublikum interessant erschien: Unfälle und Katastrophen, Raubmorde und Hochzeiten, Sportereignisse und politische Krisen, technische Neuheiten und gesellschaftliche Ereignisse. Der Männerschönheitswettbewerb in einem Wiener Vorstadtlokal passte sehr gut in dieses erweiterte Themenspektrum.

In den nunmehr fotografisch illustriertenBilderzeitungen standen nüchterne Nachrichten neben Gesellschaftsklatsch, Berichte aus dem Parlament neben erotischen Anzüglichkeiten. Und zwischen Bildern und Texten: viel, viel Werbung, etwa für Lederhosen und billige Bettfedern, Haarwuchsmittel, Haarentfernungsmittel und „Gummiprodukte“ für den Herrn, pornografische Artikel (als „Pariser Photos“ oder „Curiosa“ bezeichnet), Magen- und Hustensäfte, Harmonikas, Grammofone und vieles andere mehr.

Themen wie Sex, Gewalt und Verbrechen waren feste Bestandteile des bildlichen Boulevards. Damals wie heute stießen anzügliche Bildberichte auf viel Interesse innerhalb der Leserschaft. Diese war einerseits um Ruhe, Ordnung und gesellschaftliche Stabilität besorgt, andererseits wurden ihr solchermaßen kurzzeitige Ausbrüche aus der engen bürgerlichen Lebenswelt ermöglicht. Der enorme Erfolg der illustrierten Presse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat gewiss auch damit zu tun, dass es ihr gelang, eine Art Echoraum bürgerlicher Sehnsüchte zu bilden. Sie bestätigte die eigenen Werte, und zugleich ermöglichte sie es, aus sicherer Entfernung – bequem vom Lehnsessel im Wohnzimmer aus – verbotenen Verheißungen nachzugeben, um anschließend wieder in die sichere Welt zurückzukehren.

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang, von der Jahrhundertwende bis in 1950er- und 1960er-Jahre, waren die Illustrierten dasdominierende bildliche Nachrichtenmedium in der westlichen Welt. Allein die größte deutsche Wochenillustrierte, die „Berliner Illustrirte Zeitung“, brachte es um 1930 aufeine wöchentliche Auflage von zwei Millionen Exemplaren. Irgendwann in der Nachkriegszeit begann dann der Niedergang dieser Illustrierten. Sie wichen dem rasanten Aufstieg des Fernsehens. Warum war dieses schließlich erfolgreicher als die großen Bildermagazine? Der Kampf wurde an der Anzeigenfront entschieden.

Bereits in den 1950er-Jahren begann in den USA das Fernsehen, den illustrierten Zeitungen und Magazinen Publikum und Werbeeinnahmen abzujagen. 1945 erreichte das amerikanische Wochenmagazin „Life“ rund fünf Millionen amerikanische Haushalte, während gerade einmal 10.000 Familien über einen eigenen Fernsehanschluss verfügten. Innerhalb von nur zehn Jahren stieg jedoch die Zahl der Fernsehteilnehmer in den USA auf 29 Millionen und die der TV-Stationen von sechs auf mehr als 200. In der aktuellen Berichterstattung erwies sich das Fernsehen auf lange Sicht als schneller. Vor allem aber die Abwanderung der Werbekunden wurde für die US-Illustrierten zur existenziellen Bedrohung. Auch in Europa löste das Fernsehen die illustrierten Magazine als Leitmedium des Bildjournalismus ab. In einigen Ländern, etwa Italien, Frankreich oder Deutschland, konnten sich allerdings die Illustrierten noch länger halten. Das lag zu einem guten Teil daran, dass das europäische Fernsehen in den ersten Jahrzehnten fast ausschließlich durch staatliche oder öffentlich-rechtliche Institutionen beherrscht wurde. Diese finanzierten sich, anders als die amerikanischen Sender, vor allem über Gebühren oder Steuern und nicht hauptsächlich über Werbeeinnahmen. Sie mischten weit später als in den USA im lebenswichtigen Anzeigengeschäft mit und stellten lange Zeit keine existenzgefährdende Konkurrenz für die Magazine dar.

In Österreich war die Epoche der großen Illustrierten früher zu Ende als in anderen europäischen Ländern. Das hatte mehrere Gründe. Die hiesigen Bilderzeitungen, die nach 1945 gegründet wurden, standen bis 1955 de facto unter alliierter Oberaufsicht. Einige profitierten vom medientechnischen und fotografischen Know-how, das insbesondere aus den USA kam. Als dieser Bilderimport 1955 mit dem Staatsvertrag zu Ende ging, waren die österreichischen Verleger auf sich gestellt. Dazu kam: Die starke parteipolitische Orientierung der Zeitungen zehrte langfristig an ihrer ökonomischen Überlebensfähigkeit. Entscheidend für den raschen Niedergang der Bilderzeitungen war schließlich, dass sie der aggressiven deutschen Konkurrenz (mehr als jener des noch jungen österreichischen Fernsehens) zum Opfer fielen. In den 1950er- und 1960er-Jahren gelang es einigen großen bundesdeutschen Illustrierten, etwa der „Bunten“ und dem „Stern“, in Österreich enorme Reichweitenzuwächse zu erzielen. Mittels aufwendiger Werbekampagnen und eigens gegründeter „Österreich-Ausgaben“ begann ein harter Verdrängungswettbewerb. Die österreichischen Blätter konnten wirtschaftlich nicht mithalten. Vor allem verloren sie den Kampf um die Anzeigen.


Das Ende der heimischen Illustrierten

Innerhalb eines einzigen Jahrzehnts wurden alle österreichischen Nachkriegsillustrierten eingestellt. Als Erste traf es 1955 die KPÖ-nahe „Welt-Illustrierte“. Für die parteifreie „Wiener Illustrierte“ kam das Ende 1962, die SPÖ-nahe „Wiener Bilderwoche“ gab 1960 auf, die ÖVP-nahe „Große Österreich Illustrierte“ wurde 1964 eingestellt. Als sich am 31. Dezember 1960 die Redaktion der „Wiener Bilderwoche“ von ihren Lesern verabschiedete, wählte sie klare Worte: „Wir räumen das Feld unter dem Druck der ungehemmten Überschwemmung unseres Landes mit importierten Illustrierten.“

Ende der 1960er-Jahre hatte auch der amerikanische Fotojournalismus seinen Zenit überschritten. „Life“ verkaufte 1969 zwar noch beachtliche 8,9 Millionen Exemplare, „Look“ lag knapp dahinter. Doch hinter diesen Reichweiten verbargen sich schwere ökonomische Krisen. Beide Zeitschriften machten – trotz sehr hoher Auflagen – seit Jahren enorme Verluste. 1971 wurde „Look“ eingestellt, 1972 musste „Life“ aufgeben. Der klassische Fotojournalismus war an ein Ende gekommen.

Gewiss, ausgezeichnete Fotojournalisten gibt es bis heute. Sie publizieren in schnelllebigen Tagesmedien oder in Nischenzeitschriften, Magazinen wie „Geo“, „Mare“ oder „Du“. Sie machen Fotobücher und Ausstellungen oder präsentieren ihre Arbeiten im Internet. Die gedruckten Illustrierten, die es zwar immer noch gibt, haben ihr Monopol auf dem Bildermarkt längst verloren. Kommerzielle und private Internetseiten verbreiten inzwischen weit mehr fotografische Bilder als gedruckte Medien. Die sozialen Netzwerke haben die Grenzen zwischen Bildkonsumenten und -produzenten durchlässig gemacht. Jeder kann heute beliebig viele Bilder online stellen, mit anderen teilen und kostenlos betrachten. In den Weiten des Internet sind wir alle irgendwie zu Fotojournalisten geworden. Kein Wunder, dass die professionellen Pressefotografen es in diesen Fluten des Mainstreams, der von Katzenschnappschüssen und Selfies beherrscht wird, schwer haben, sich zu behaupten. ■