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40, 50 Jahre Ewigkeit

„Sämtliche Leidenschaften“ nennt Franz Schuh seinen fiktiven Dialog mit einer Freundin, die ihn verlassen hat. Pointiert, witzig, aphoristisch.

Franz Schuh, der ehemalige Frühstückskoch im Café Formanek, der derzeit an der Spitze der Adipositasgruppe im Sportklub steht, also wenigstens gewichtsmäßig, musste unlängst eines feststellen: nämlich, dass er eigentlich ein schöner Mensch war, auch äußerlich, und ein sich selbst beeindruckender noch dazu. Darum blieb ihm bis heute die vorwürfige Frage des Bademeisters Rudi im Kurhaus Schärding nicht deutbar, der da zu ihm sagte: „Mir ist das unverständlich, wie kann nur ein Mensch, der so eitel ist wie Sie, so fett sein?“

Vermutlich ist dieses seelisch einschneidende Erlebnis für Franz Schuh ein Simulacrum, das so gar nicht stattgefunden, sondern sich ihm bloß als solches dargestellt hat. Denn obwohl Schuh behauptet, er wäre Nihilist, lehnt er sich in seinen Ansichten und Aussagen wesentlich stärker an die atomistischen Epikureer, vornehmlich Lukrez, an – ohne freilich deren Hypothese vom Tod der Seele oder von der Nichteinmischung göttlicherseits ins menschliche Wirken zu übernehmen. Dies zeigt er in seiner monologisch vorwegnehmenden Lebensbeichte „Sämtliche Leidenschaften“ – G'schichten aus dem Ergatzwald und der Wiener Stadt quasi. Geschichten, die er in fiktivem Diskurs (denn in einem Monolog kann man ja nicht diskutieren, außer mit sich selbst, und das ist auch wieder nicht sinnvoll, weil da der Diskutant in mir ja schon weiß, was der andere in mir antworten wird) vor seiner Freundin Lili, die ihn natürlich schon verlassen hat, ausbreitet: die von der Klarinettistin und den Studios in der Argentinierstraße, die von Cathrin Pichler, von Frau Maleta und Susi Nicoletti, vom Bundesheer, das ihn stark beeindruckt zu haben scheint, von seinen Wünschen, seinen Träumen für die Menschheit, sich und Lili, die Kunst und die Weisheit.

Und er liest jedes Futzerl einer Idee, das vielleicht ein anderer arglos in die Gosse geworfen hat, auf und macht daraus eine einzeilige, zweizeilige oder zweiseitige Abhandlung über die Möglichkeiten, Unmöglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten dieser Idee, dieses Bonmots,dieses einen Wortes. Das ist zumeist sehr witzig (im englischen Sinn von „wit“), zumeist sehr pointiert und aphoristisch. Aber die Methode und die stete sprach- oder besser wort/satzphilosophischen, deutenden Kommentare Schuhs werden mit der Fortdauer des Romans, der keiner sein will, immer langweiliger, weil erwartbar, immer flacher und scheinen eher einem Hermes Phettberg der Straßenphilosophie zuordenbar zu sein. Franz Schuh (nicht der von Humanic!) ist – trotz aller Ansätze dazu – keinNestroy, sondern im Innersten eine Mixtur aus Raimund und Grillparzer und Stifter, weil er bei all seinem demonstrativ exhibitionierten Pessimismus und Grant immer noch an eine höhere Macht glaubt, und zwar an die höchste Macht, die Liebe.

Kürzlich hat Franz Schuh in einer bemerkenswert intensiven und beinahe ergreifenden Fernsehsendung von der Liebe als „größter Macht“ gesprochen, in der Sexualität nur ein Lockmittel zum Füreinander-da-Sein ist. Darum verspricht man sich ja auch die Liebe vor Gott, weil sie ewig halten soll und halten wird. Freilich: Was ist „ewig“? Denn in der Phase bis zum Ende der Liebesewigkeit wandelt sich diese auch. Sind also 40, 50 Jahre schon die Ewigkeit gewesen? Ist es richtig, dass etwa in den USA zu einem vier Jahrzehnte lang verheirateten Paar automatisch Trennungsagenturen einen professionellen „Schlussmacher“ schicken?

Wenn man sich trennt, meint Schuh, verliert man das seelische Gleichgewicht. Depression droht, und Depression macht leblos, was aber nicht stimmt: Denn Depression ist heftiges Handeln, ein Kampf, zwar nicht nach außen, sondern in sich selbst, gleich einem Untergehenden, gleich einem Herzinfarktler, gleich einem Todkranken. Die persönliche Einigkeit, die aus den zusammengefügten Bruchstücken unserer Entität besteht, muss wiederhergestellt werden, sonst bleibt nur die Zerrissenheit aller Dinge, Leidenschaften, Empfindungen.

Franz Schuh, der ehemals so Schöne, träumt in seinem Buch für Lili und vor Lili, seiner Liebe, die eigentlich gar nicht so hübsch ist (aber: „Liebe macht Hässliches schön“), seinen Traum und träumt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hinein. Das Gehirn träumt sich selbst, weit entfernt von allen Einflüssen. Es träumt „von den Erforschern der Träume, hinter jedem Baum, hinter jeder Ecke, und hinter vorgehaltener Hand träume ich einen Traumforscher“.

Und ganz und gar pessimistisch wird Schuh, wenn er in traurige Gesichter ohne Hoffnung blicken muss, da erfasst ihn „das melancholische Mitleid mit unserer Endlichkeit“. Er bildet sich ein, dass der Tod das Einzige ist, das uns in Atem hält, das uns antreibt: „Die treibende Kraft ist der Tod.“ Er ist die einzige Garantie im Dasein, dass jegliches Dasein vom Nichtsein begleitet wird.

Es gibt aber auch fast lyrisch schöne Stellen, die man bei seinem bereits verinnerlichten Zynismus, Stänkern und wienerischen Raunzen nicht erwarten mochte: die Filmsequenz etwa, in der Lili das Sein aus dem Blickwinkel einer Kamera dargestellt bekommt. Und es gibt auch harmlos heitere Szenen in dem Buch, die einen an einen Nachkriegsfilm erinnern könnten: die Geschichte etwa, in der Schuh von einem Badetag gemeinsam mit seiner Kollegin Weingast an der Ergatz berichtet – ein plötzliches Hochwasser hat dafür gesorgt, dass die splitterfasernackt Badenden nicht mehr zu ihrem Gewand gekommen sind und deswegen im Regen ebenso splitterfasernackt auf der Straße, vorbei an den Häusern, ihr Gewand suchen gehen mussten. Und es gibt auch tragikomische Passagen, etwa die, in der eine alte Frau telefonisch Schuh partout als ihren verlorenen Sohn, Ernsti, erkennen möchte.

Zum Schluss: Die Kritik Ulrich Weinzierls in der „Welt“ ist wohl ein wenig artifiziell zu hymnisch geraten: „Fast in jedem Lamento steckt eine Volte, ein Witz, eine elegante Attacke auf die Zumutungen unserer Existenz.“ So ist es auch nicht. Aber es ist eine philosophisch angehauchte Geschichtensammlung aus Franz Schuhs Leben – anfangs kurzweilig, dann weilig, selten nur langweilig. ■

Franz Schuh

Sämtliche Leidenschaften

224 S., geb., €20,50 (Zsolnay Verlag, Wien)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2014)