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Besser klug und faul als fleißig und dumm

In der Hängematte faulenzen
In der Hängematte faulenzenMichaela Bruckberger

Mit der Nation ist es letztlich genauso wie mit einem Garten: Ständige Pflege tut not, doch mit Sinn und Verstand, alles zur rechten Zeit, mit größtmöglichem Bedacht und zugleich mit sparsamem Einsatz der Kräfte.

Der deutsche Heeresoffizier Kurt von Hammerstein-Equord (1878–1943) ist nicht nur im Zusammenhang mit dem militärischen Widerstand gegen Adolf Hitler ein Begriff. Er tätigte auch folgende Aussage über die Gesichtspunkte, nach denen er seine Offiziere beurteilte: „Ich unterscheide vier Arten. Es gibt kluge, fleißige, dumme und faule Offiziere. Meist treffen zwei Eigenschaften zusammen. Die einen sind klug und fleißig, sie müssen in den Generalstab. Die Nächsten sind dumm und faul; sie machen in jeder Armee neunzig Prozent aus und sind für Routineaufgaben geeignet. Wer klug ist und gleichzeitig faul, qualifiziert sich für die höchsten Führungsaufgaben, denn er bringt die geistige Klarheit und die Nervenstärke für schwere Entscheidungen mit. Hüten muss man sich vor dem, der dumm und fleißig ist; dem darf man keine Verantwortung übertragen, denn er wird immer nur Unheil anrichten.“

Der fleißige, jedoch dumme Gärtner beschwört tatsächlich Verdruss herauf, wo auch immer er Hand anlegt, und dabei ist es egal, welche Art von Gärtchen er, oder natürlich auch sie, verantwortet. Die einen graben beispielsweise gerade mit großer Beflissenheit am Abgrund, in den sie das Bundesheer zu versenken gedenken. Sie sind so fleißig, dass sie fast schon fertig mit dieser Dummheit sind. Die anderen sind zwar für die wichtigsten Treibhäuser von allen zuständig, nämlich für jene des Wissens, entdecken aber, dass sie sich die Mieten dafür nicht mehr leisten können, und beschließen, den Zins für die Schulhäuser einfach auszusetzen. Der Obergärtner der Nation, dem man weder Fleiß noch Klugheit nachsagen kann, macht seinerseits sicherheitshalber die EU für die kraft verschärfter Regelungen nun nicht mehr ganz so lässig-leicht zu vergrabenden Schuldenstände von für 2014 prognostizierten katastrophalen 80 Prozent des BIPs verantwortlich.


An Misswirtschaft gewöhnt. Nur wenige von uns scheint das allerdings noch sonderlich zu berühren, was damit in Zusammenhang stehen könnte, dass man sich in jahrelanger Übung bereits an die Misswirtschaft gewöhnt hat. In einem Land, in dem selbst der verstaatlichte Mineralölkonzern ins Trudeln kommt, was wahrscheinlich noch keinem anderen Mineralölkonzern weltweit jemals gelungen ist, erstaunt die Bürgerinnen und Bürger offenbar nichts mehr.

Die Misswirtschaft wird ja auch nur im seltensten Fall geahndet. Würde man dergleichen Stümperei in seinem eigenen Garten einreißen lassen, so stünde man sehr schnell vor einem wüsten, kaum noch zu bändigenden Saustall. Abgesehen davon bekäme man keine Abfertigung in Millionenhöhe oder einen Ersatzgartenversorgungsposten, sondern wäre sein Gärtchen sehr bald los. Denn so lässig der Umgang mit öffentlichen Geldern, mit Posten, Ämtern und Traditionspfründen seitens der dummen und fleißigen Gärtnerhäuptlinge auch sein mag, so streng und mit drohendem Gepolter ahndet beispielsweise das Finanzamt jeden einzelnen Tag verzögerter Steuerzahlung, und auch Vermieter sind nur so lang freundlich, solang der vertraglich vereinbarte Zins mit exquisiter Pünktlichkeit überwiesen wird.

Mit der Nation ist es letztlich genauso wie mit einem Garten und umgekehrt: Ständige Pflege tut not, doch mit Sinn und Verstand, alles zur rechten Zeit, mit größtmöglichem Bedacht und zugleich mit sparsamem Einsatz der Kräfte. Denn klug wirtschaftet derjenige, der genau weiß, was wann zu tun ist, damit man dann auch seiner Faulheit zu ihrem Recht verhelfen kann. Wer es beispielsweise im Frühling nicht verabsäumt, die gröbsten Unkräuter in zwei, höchstens drei fleißigen und termingerechten Durchgängen zu entfernen, kann der restlichen Saison mit Gelassenheit entgegenblicken. Wer allerdings zu dumm war, rechtzeitig Hand anzulegen, wird später auch mit hektischem Dauerzupfen der Plagen nicht mehr Herr.

Wer seine Pflanzen, um noch ein lachhaft simples Beispiel zu nennen, an die für sie jeweils passenden Standorte setzt, hat wenig Mühe mit ihnen. Wer allerdings keine Ahnung vom Geschäft hat und in dürrem Sand bei vollsonnigem Stand im Hochsommer Spinat ziehen will, wird diesem dummen Fleiß keine Ernte abringen. Wer also weiß, wie Dinge miteinander zusammenhängen und funktionieren, beschränkt sich auf das Wesentliche und verzettelt sich nicht in sinnlosen Fleißaufgaben.


Lassen Sie sich Zeit. „Machen Sie sich frei von Kleinarbeit“, meinte eben jener Heeresoffizier aus vergangener Zeit. „Dazu halten Sie sich einige wenige kluge Leute. Lassen Sie sich aber viel Zeit, sich Gedanken zu machen und sich vor sich selbst ganz klar zu werden. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Gedanken ausgeführt werden. Nur so können Sie richtig führen.“

Lexikon

Porträt. Hans Magnus Enzensberger hat Kurt von Hammerstein-Equord 2008 eine literarische Biografie gewidmet. „Hammerstein oder Der Eigensinn: Eine deutsche Geschichte“ heißt es, und es geht darin nicht nur um den General, sondern um „die Selbstbehauptung des Einzelnen gegenüber kollektiven und autoritären Zumutungen“.

Lazy Gardening. Das faule – man könnte auch sagen: gelassene Gärtnern ist in Großbritannien längst zu einem Begriff geworden. Abkehr von der super geputzten Anlage, lautet die Devise, dafür der rechte Blick auf Ertrag und gärtnerische Wertschöpfung in Form von Genuss.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2014)