Von einem, der auszog, ein Haus in Detroit zu kaufen

Obdachlose hinterließen das Haus in einem schlechten Zustand.

Der US-Immobilienmarkt zieht Investoren aus aller Welt an. So auch den Steirer Niki Gindelhuber. Für ihn wurde der Hauskauf jedoch zum Albtraum. Am Ende war er bereit, das Haus gegen ein neues iPhone zu tauschen.

Es war eine Meldung, die in der Vorwoche um die Welt ging: „Ein Mann tauscht sein Haus in Detroit gegen ein neues iPhone“. Darüber wurde nicht nur in den Lokalnachrichten der amerikanischen 5,2-Millionen-Metropole, sondern auch im „Spiegel“, dem chinesischen Nachrichtenportal Sina.com und dem „New Zealand Herald“ berichtet. Eine verrückte Geschichte aus den verrückten USA, mögen viele gedacht haben. Doch die Sache mit dem iPhone ist nur das Ende einer ganz anderen Geschichte – der Geschichte des gescheiterten Investments eines Österreichers auf dem US-Immobilienmarkt.

Weinitzen bei Graz. In dieser 2500-Einwohner-Gemeinde am Fuße des Grazer Hausbergs Schöckl wohnt Niki Gindelhuber mit seiner Familie. Der 46-Jährige ist von Beruf Pilot für private Business Jets. Und es ist seine Geschichte, über die in der Vorwoche weltweit berichtet wurde.

„Alles begann 2010 mit einem Flug auf die Bahamas“, erinnert sich Gindelhuber im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Im Cockpit erzählt ihm ein britischer Kollege von Detroit, den gefallenen Häuserpreisen und den fantastischen Renditen. Und das Beste: Dank eines Programms der US-Regierung, die für arme Familien die Miete übernimmt, gebe es quasi auch kein Risiko. Es habe wirklich alles sehr gut geklungen, so Gindelhuber.

Der britische Kollege hatte selbst auch bereits Häuser in Detroit gekauft. Und daher kannte er eine Firma, die alles für die Investoren erledige – die britische Pegasus Ltd. „Vor Ort haben wir gleich eine Skype-Konferenz mit der Firma gemacht.“ Dort wurde Gindelhuber noch einmal erklärt, welch gute Renditen möglich wären – und dass es ja den Rückhalt der US-Regierung gebe. In diesem Gespräch sagte der Vertreter von Pegasus auch offen, dass der Pilotenkollege 1500 Pfund Vermittlunghonorar erhalte. Stutzig wurde Gindelhuber dadurch aber nicht.


Gute Renditen. Dass auf dem US-Häusermarkt zurzeit wirklich für Europäer unvorstellbare Renditen möglich sind, bestätigt auch Larry Else, jener Immobilienmakler, der nun den Verkauf von Gindelhubers Haus in Detroit abwickelt. Grund dafür sind extrem gefallene Häuserpreise bei gleichzeitig immer noch hohen Mieten. Else hat etwa ein Haus im Portfolio, das um 18.000 Dollar zu kaufen ist und einen Mieter beherbergt, der 750 Dollar pro Monat (mit staatlicher Unterstützung) zahlt. Dieser entrichtet also in zwei Jahren so viel Miete, wie das ganze Haus wert ist. Auch nach Abzug von Kosten und Steuern wäre bei diesem Kaufpreis-Miet-Verhältnis eine jährliche Rendite von 20 Prozent möglich, so Else.

Warum solche Häuser nicht von den Mietern selbst gekauft werden, erklärt Else damit, dass diese oft keine Ersparnisse haben und bei den Banken aufgrund schlechter Kredithistorie auch keinen Kredit bekommen. Daher müssten sie mieten. Eine Investmentchance, die viele Investoren sehen – auch aus dem Ausland. „Im Vorjahr habe ich rund 300 Häuser verkauft. Ein guter Teil davon ging an Ausländer: Briten, Chinesen, Australier, Franzosen, Deutsche.“ Entscheidend für ausländische Investoren sei dabei jedoch, dass sie einen vertrauenswürdigen Makler in den USA hätten. Denn entscheidend sei in einer schrumpfenden Stadt wie Detroit die Lage des Hauses. „Wenn Häuser in einer schlechten Gegend sind, dann bringen sie den Eigentümern nur Kopfschmerzen.“


Der Kauf. Bei Pegasus Ltd. machte man den Kunden keine Sorgen über schlechte Lagen oder andere mögliche Probleme. Hier ging alles schnell und problemlos – zumindest am Anfang. „Die Firma hat angerufen und gesagt, wir haben das Haus“, so Gindelhuber. Es sei aber nicht in dem Pool für die staatliche Förderung, und darauf zu warten würde mehrere Monate dauern. „Es gebe jedoch sofort schon einen Mieter von außerhalb des Pools, der sich die Miete auch so leisten könne.“ Gindelhuber sagte zu.

40.000 Dollar (etwa 30.000 Euro) überwies er an Pegasus. Viel zu viel, wie sich nun im Rückblick herausgestellt hat. Laut Else dürfte das Haus bereits 2010 nur etwa 25.000 Dollar wert gewesen sein. Ein lokaler Nachrichtensender berichtete in der Vorwoche, dass Pegasus es nur kurz vor dem Weiterverkauf an Gindelhuber um 10.000 Dollar gekauft und dann ein wenig renoviert hatte.

Vor vier Jahren dachte der Steirer aber noch, eine gute Investmententscheidung getroffen zu haben. Er hatte dafür sogar einen Kredit in Österreich aufgenommen. 700 Dollar sollten von nun an pro Monat über den Atlantik kommen. Mehr als die Kreditraten hierzulande, so der Plan.

„Die Zahlungen waren aber von Anfang an sehr unregelmäßig. Nach sechs Wochen kamen zwei Drittel der ersten Miete. Im Monat darauf wieder nur ein Viertel“, so Gindelhuber. Plötzlich gab es auch Reparaturkosten und Steuerforderungen der Gemeinde für die Grundsteuer von 200 bis 300 Dollar pro Monat. „Von den Steuern hat vorher niemand etwas gesagt. Alles, was ich eingenommen habe, ging dafür und für die Reparaturen wieder drauf.“

Im Sommer 2011 zog der erste Mieter dann aus. Ein Jahr lang stand das Haus leer. Die Steuerforderungen liefen jedoch weiter, und ein zwischenzeitlicher Einbruch erforderte weitere Reparaturen. Dann fand die von Pegasus beauftragte lokale Hausverwaltung endlich einen neuen Mieter – für 100 Dollar Miete weniger. Aber auch mit ihm dasselbe Spiel: unregelmäßige und zu niedrige Zahlungen. 2013 verließ auch der zweite Mieter das Haus.

Zu diesem Zeitpunkt sieht Gindelhuber ein, dass die Idee mit dem Haus ein Fehlschlag war. Er will es verkaufen. Der mögliche Marktpreis ist ein Schock: Laut lokalem Management ist es nur mehr 20.000 Dollar wert. Und nur kurz darauf kommt noch ein weiterer hinzu: Das Management meldet sich und erklärt, dass inzwischen Obdachlose im Haus wohnen. Da die Sicherheit der Mitarbeiter nicht mehr gegeben sei, wird der Vertrag zur Betreuung des Hauses gekündigt. Und so steht Gindelhuber plötzlich mit einem Haus in Detroit da, das von Obdachlosen bewohnt ist und für das sich niemand vor Ort zuständig fühlt.

„Ab da wollte ich das Haus nur noch loswerden und auf keinen Fall mehr zusätzliches Geld investieren“, so Gindelhuber. Über das Internet kontaktiert er 17 Makler in Detroit. Einer – Larry Else – erklärt sich schließlich bereit, sich das Haus anzusehen. Die Obdachlosen haben das Haus im Winter bereits verlassen. „Denen ist anscheinend zu kalt geworden, nachdem sie sich von den Fensterscheiben getrennt haben.“ Sie hinterlassen das Haus jedoch in einem erbärmlichen Zustand.


Der Verkauf. Dennoch geht das Haus anfangs noch um 12.000 Dollar in den Verkauf. Doch niemand meldet sich. „Jeden Monat habe ich ein Mail an Larry geschrieben und gefragt, ob sich jemand gemeldet hat. Und jedes Mal hat er zurückgeschrieben, dass wir den Preis weiter senken müssen.“ Aus 12.000 werden 10.000, aus 10.000 werden 7000 und aus 7000 werden 3000 Dollar. Irgendwann ist der angebotene Preis niedriger als die inzwischen aufgelaufene Steuerschuld von 6000 Dollar. Da Gindelhuber als Pilot immer wieder beruflich in den USA ist, macht er sich deswegen Sorgen. Er will aber auch kein gutes Geld dem schlechten mehr nachwerfen. „Ich habe sogar an die Finanzverwaltung des Countys geschrieben, dass sie mein Haus nehmen und versteigern sollen. Aber sie haben nicht einmal geantwortet.“

„Dann ist bei uns gerade das neue iPhone herausgekommen. Und ich habe mir gedacht: Vielleicht springt darauf jemand an. Nach zwei Bier habe ich dem Makler ein Mail geschrieben.“ Wenige Tage später stolpert ein Mitarbeiter eines Lokalsenders über die Anzeige, die Geschichte fängt Feuer, wird zuerst regional, dann national, dann international berichtet. US-Radiostationen rufen in Weinitzen an, um Gindelhuber zu interviewen. „Mit diesem Widerhall habe ich absolut nicht gerechnet“, so der Steirer.

Der mediale Wirbel hilft auch beim eigentlichen Anliegen – dem Hausverkauf. Es findet sich ein Interessent, aus der lokalen Nachbarschaft. Er bietet zwar kein iPhone, dafür aber 700 Dollar plus Übernahme der Steuern.

„Ich warte jetzt, bis alles abgewickelt ist und hoffe, dass mich das Haus nie mehr tangiert“, sagt Gindelhuber. Er habe sich einfach viel zu wenig über die Situation vor Ort informiert, meint er selbstkritisch. „Ich bin damals davon ausgegangen, dass Detroit die Autohochburg der USA ist und deswegen genügend Nachfrage nach Häusern herrscht.“ Rechtliche Schritte gegen die bereits pleitegegangene Pegasus erwägt er nicht. Dies würde nur neue Kosten verursachen. Unter dem Strich hat ihn das Haus bereits 30.000 Euro gekostet. „Ich habe sehr viel Lehrgeld für meine Naivität bezahlt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2014)

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