Schnellauswahl

Mademoiselle und finnische Liebe

An Icelandic flag flutters at closest inhabited area to Bardarbunga volcano in Myji Dalur
Wie man sich die isländische Landschaft vorstelltREUTERS
  • Drucken

Unverdrossen blühen die Landesklischees am Buchmarkt: von neuen Italien- und Islandkrimis, schwedischer Sehnsucht nach englischem Moor und einer deutschen Bretagne-Passion.

Commissario Brunetti kennen viele, Commissario Montalbano auch. Aber wer kennt Commissario Fontanaro? Bis jetzt vielleicht einige deutschsprachige Leser, italienische nicht – denn Fontanaro ermittelt zwar seit Sommer in bella Verona, aber nur auf Deutsch. Seine Erfinderin nennt sich Marta Donato, ist aber noch weniger „echte“ Italienerin als Donna Leon. Vom Rowohlt Verlag erfährt man, dass sie Kunsthistorikerin ist und für ein Münchner Medienunternehmen arbeitet; dass sie immer in Italien urlaubt; und dass sie als Hobbyköchin „Bella Italia mit Pasta, Vino e Dolce“ zu sich nach Hause bringt.

Der Debütroman von Donna Leon heißt „Venezianisches Finale“, der Debütroman von Marta Donato „Veroneser Finale“. Er beginnt dramatisch mit der Autofahrt des Mörders in die Via Marsala, aber auch wie ein poetischer Reiseführer. „Das Viertel dort oben, eingebettet in das satte Grün der Olivenbäume, Palmen, Zypressen und Weinstöcke, gehörte zu den schönsten Veronas. Die sehr herrschaftlichen Häuser waren umgeben von riesigen Gärten, die, perfekt angelegt, rund ums Jahr zeigten, was mediterranes Klima hervorzubringen vermochte. Im Frühling blühten Flieder und Jasmin, jetzt im Spätsommer leuchteten die Rosen und die Oleanderbüsche in feurigem Rot und zartem Rosé.“

Das Opfer in der Via Marsala ist Dottor Fabrizio Talenti, Klinikchef und Mitglied der feinen Veroneser Gesellschaft. Der Mörder erschlägt ihn, als er gerade am Flügel Beethovens „Mondscheinsonate“ spielt. Das bringt den ganzen Roman auf eine Formel: Deutsche Sehnsucht trifft auf italienische Mordlust, Goethes Italienreise auf Donna Leon.

Essen ist essenziell. Vielleicht werden Belletristik-Verlage in Zukunft ja immer mehr mit der Tourismus-Branche zusammenarbeiten. Franz Schuh hat treffend vom „globalisierten Krimi“ gesprochen, einem Einheitsbrei aus immer ähnlicheren Elementen. Je mehr einander die Krimis aber im Kern ähneln, desto größer scheint das Bedürfnis nach spezifischem Lokalkolorit; so wie im Supermarkt dieselben Produkte wenigstens möglichst unterschiedlich verpackt sein sollen; oder wie die EU desto mehr das „Europa der Regionen“ propagiert je mehr sie es eliminiert.

Dann wird es auch entscheidend, ob man im Veroneser Lokal Da Bruno Spaghetti alle vongole oder Tagliatelle ai finferli isst oder im Chiemgau (wo die Ermittlungen hinführen) einen „kalten Schweinebraten in dünnen Scheiben und saure Semmelknödel mit reichlich Zwiebeln, von einer kühlen Weißen begleitet“. Unterhaltungsliteratur hat immer schon längst geträumte Träume, auch Reiseträume verkauft. Aber so gut zusammengepasst haben die Literatur- und die Tourismus-Branche vielleicht noch nie.

Das lässt die nationalen und regionalen Klischees blühen, die man immer wieder am Verschwinden glaubt. Europäische Länder mögen sich vor ihren jeweiligen Nationalfeiertagen noch so kritisch fragen, was dieses zu feiernde „Nationale“ eigentlich sein soll. Für ausländische Leser, ausländische Autoren und ausländische Verlage ist das Nationale wichtiger denn je: nämlich das der anderen. Man will den Italien-Krimi, den Island-Krimi, den Schweden-Krimi – sprich, das ein bisschen (aber nicht zu sehr, also schon noch europäische) Andere. Und von dem möglichst immer dasselbe.


Bannalecs Bretagne-Krimis. Ein neues erfolgreiches Markenprodukt in Deutschland ist der Bretagne-Krimi. Auch die Bretagne ist fast schon etwas Nationales, weil sich die meisten Bretonen immer noch zuerst als Bretonen und dann erst als Franzosen sehen. Der deutsche Bretagne-Krimi ist das Ein-Mann-Unternehmen eines gewissen Jean-Luc Bannalec. Drei Fälle des Kommissars Dupin sind bisher erschienen, „Bretonische Verhältnisse“, „Bretonische Brandung“ und „Bretonisches Gold“. Der jüngste Band spielt in den Salzgärten nahe Guérande, das hier zum „Weißen Land“ mit dem „Weißen Gold“ verklärt wird. Die Salinenbecken „waren ein unendlich verzweigtes, ausgeklügeltes System, das nur einen Zweck hatte: das durch Schleusen eingefangene Meer, so langsam es ging, auf eine Reise zu schicken, auf der Sonne und Wind es dann beinahe restlos verdunsten ließen, bis sich die ersten Kristalle ausbildeten. Das Salz war die reine Essenz des Meeres.“

Hinter dem Pseudonym Bannalec vermutet man den Leiter des S. Fischer Verlags Jörg Bong höchstpersönlich; aber das allein kann den erstaunlichen Erfolg nicht erklären. Längst haben sich die Betreiber des Hotels L'Amiral im Fischerort Concarneau aufgehört zu wundern, warum neuerdings so viele Deutsche hierherkommen und Entrecôte sowie Wein aus dem Languedoc bestellen – so wie Kommissar Dupin es in seinem Lieblingslokal immer tut. Als Krimis sind diese Bücher absolut mittelmäßig, aber als stilistisch elegante und landeskundlich versierte Liebeserklärungen fast unwiderstehliche Reiseeinladungen. Und im Vergleich zu Italien ist das geografische Thema fast schon originell. Marta Donato, Jean-Luc Bannalec – nostalgiegetriebene Bücher von Deutschen über ein anderes europäisches Land treffen oft eher die Bedürfnisse deutschsprachiger Leser als Literatur, die aus dem betreffenden Land kommt. Die ist oft weniger klischeehaft, als der Verlag sie haben will. Notfalls muss er Titel und Cover in die gewünschte Richtung biegen. So wurde etwa aus dem schön eigentümlichen Roman „Les aquariums lumineux“ der französischen Autorin Sophie Bassignac auf Deutsch „Die gepflegten Neurosen der Mademoiselle Claire“. Und obwohl der Großteil dieses kürzlich auf Deutsch erschienen Romans in einem Pariser Hinterhof spielt (wo die alleinstehende Protagonistin ihre Nachbarn beobachtet), sieht man auf dem Cover eine Frau über den Dächern der Stadt mit Blick auf den Eiffelturm hockend.

Märchenhaftes „Mademoiselle“. Positiven Signalcharakter für deutschsprachige Leser hat offenbar auch das veraltete Wort Mademoiselle. In Frankreich wurde es 2012 offiziell für amtliche Dokumente verboten, im Sprachgebrauch hat es sich zwar viel länger gehalten als das deutsche Fräulein, trotzdem ist es in Frankreich heute obsolet, und in Buchtiteln findet man es höchstens noch unter der Kinderliteratur. Auf dem deutschen Buchmarkt aber ist es nach wie vor beliebt. Man denkt dabei wohl an so etwas wie Juliette Binoche im Film „Chocolat“ oder Audrey Tautou in „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Bei den Krimis mögen die Nordeuropäer nun das Sagen haben; Romanzen-Konsument(inn)en aber werden immer noch die Mademoiselle dem Fröken vorziehen.

Oder das Wort „amour“ dem finnischen „rakkaus“. Der mit einer Finnin liierte Schweizer Journalist Christian Gasser hat seinem Finnland-Buch trotzdem diesen Titel gegeben. „Rakkaus“, liest man da, sagen die finnischen Männer nur im äußersten Ernstfall, für die ganz große Liebe. Das Wort ist „hart, geradezu verzweifelt. Ein kluges Konzept, ein ehrlicher Begriff, er verspricht nichts Falsches und macht niemandem etwas vor“. Und Gasser, der erlebt hat, wie schwierig die unvermeidliche Winterdepression dort jede Beziehung macht, definiert „rakkaus“ gleich als nationales Schlüsselwort: „So fühlen sich Finnland und die Liebe an, Himmel und Hölle, meistens gleichzeitig, und das eine gibt's nicht ohne das andere.“ Ein „Die Finnen sind so“-Buch muss nicht dumm sein. Das hier ist klug und überspitzt die Klischees auch immer wieder selbstironisch. Aber so halb nimmt es sich doch ernst, wie Klischees ja oft nur deshalb ironisiert werden, damit man sie sich doch noch erlauben darf. Offenbar ist der Wunsch unausrottbar, wenigstens die anderen klar zu sehen, wenn man sich schon selbst nicht klar sieht.

Und ebenso das Bedürfnis nach vertrauter Exotik. Dieses Bedürfnis hat wohl auch einen der bekanntesten schwedischen Krimiautoren, Håkan Nesser, dazu getrieben, einmal keinen Schweden-Krimi zu schreiben. Sein soeben auf Deutsch erschienener Roman „Die Lebenden und Toten von Winsford“ spielt in einer Moorlandschaft Südenglands: Nebel, November, eine unheimliche Fremde mit Hund (soll man an den Hund von Baskerville denken?) ... Das ist nur ein bisschen Krimi, aber viel Stimmungsbild, inspiriert unter anderem von Charles Dickens' Nebel-Beschreibungen, und voller Sehnsucht nach der Heide, „wo sich Himmel und Erde küssen“.

Apropos Nebel: Wie viele Menschen wohl London immer noch für eine typisch nebelige Stadt halten? Sie ist es längst nicht mehr, seit die Industrierauchfänge verschwunden sind. Aber mindestens dank Sherlock Holmes wird sie es noch lange bleiben. Der Detektiv ist ja nicht nur in der beliebten Fernsehserie, sondern auch als Romanfigur wiederauferstanden. Ende Oktober erscheint nach „Das Geheimnis des Weißen Bandes“ mit „Die drei Königinnen“ schon der nächste Holmes-Roman von Anthony Horowitz auf Deutsch.

Island-Thriller, wenig isländisch. Håkan Nessers nebeliger Roman wird in seiner Heimat Schweden vermutlich als „very british“ rezipiert. Dafür schreiben isländische Krimi-Autoren für den deutschsprachigen Buchmarkt wohl oft zu wenig isländisch. Der Fischer Taschenbuchverlag nennt zwar den neuesten Roman „Nebelmord“ der erfolgreichen Autorin Yrsa Sigurdardóttir einen „Island-Thriller“ und verspricht „typisches Island-Flair“. Aber auch wenn die Handlung auf einer Leuchtturminsel und in Rejkjavík spielt, ist die Szenerie für die Autorin recht unwichtig; das Buch könnte genauso gut woanders spielen.

So wie der im Frühjahr erschienene, auch außerhalb Österreichs sehr erfolgreiche Krimi „Totenfrau“ von Bernhard Aichner, der eher zufällig Innsbrucker Lokalkolorit hat: „Im Grunde ist es mir wurscht, ob aus dem Ötztaler Schnitzer ein Patschenmacher in Island wird“, sagt Aichner. Trotzdem hätte der schon ins Englische übersetzte Roman vom US-Verlag wohl den Untertitel „A Novel of Austria“ verpasst bekommen, wenn es in Amerika schon ansatzweise ein solches Label gäbe.

Das kann noch kommen: In „Totenfrau“ geht es um reiche Männer, die im Keller ihren Perversitäten frönen, ein Thema also, das seit den Kriminalfällen Kampusch und Fritzl gern mit Österreich verbunden wird. Vielleicht wäre das eine Marktlücke für den Österreich-Krimi ...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2014)