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Anwältin Klaar: "Jagd nach Unterhalt zahlt sich nicht aus"

(c) Clemens Fabry
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Helene Klaar ist eine der bekanntesten Scheidungsanwältinnen Österreichs. Im Gespräch mit der "Presse" erklärt sie, warum sich Männer eine Scheidung erst verdienen sollten - und ihr Beruf eheerhaltend wirkt.

Die Presse: Sie sind Scheidungsanwältin, raten aber von Scheidungen ab. Warum?

Helene Klaar: Weil eine nicht mehr sehr glückliche Ehe immer noch besser ist als das Trümmerfeld einer Scheidung.

Wieso?

In einer Ehe werden mit zwei Einkommen eine Wohnung, ein Auto, eine Waschmaschine angeschafft, erhalten und erneuert. Das geht sich wesentlich besser aus, als mit dem gleichen Geld zwei Haushalte zu betreiben.

Welches Arrangement empfehlen Sie, wenn man als Paar nicht mehr zusammen sein möchte?

Wenn man Magenbeschwerden, Haarausfall und Hautausschlag bekommt, sobald der Ehepartner im gleichen Raum ist, geht es ohnedies nicht mehr. Aber solange dieses Stadium nicht erreicht ist, sehe ich keinen zwingenden Grund für eine Scheidung.

Wie oft halten sich Ihre Klienten an Ihren Rat, sich nicht scheiden zu lassen?

Meistens kommen ja Menschen zu mir, deren Partner den Scheidungswunsch hat. Frauen sind sehr willfährig gegenüber den Wünschen ihrer Männer und oft bereit, sich als letzten Liebesdienst sofort scheiden zu lassen oder selbst die Scheidung einzureichen. Davon rate ich dringend ab. Für den untreuen Ehemann ist die Scheidung eine Belohnung, die er sich erst verdienen muss. So hat die Frau die Möglichkeit, die Konditionen der Trennung mitzubestimmen. Wenn die verlassene Ehefrau den Golden Handshake bekommt, ist das eine gute Lösung. Ich hatte zu meiner Überraschung auch immer wieder Klientinnen, deren Mann seit Jahrzehnten eine andere Beziehung hat und die sich damit arrangiert haben.

Es klingt so, als wären Männer häufig schuld. Ist es wirklich so schlimm?

Frauen sind durch Kinder wesentlich gebundener, haben seltener berufliche Karrieren, und das Wechseln von einem Partner zum anderen ist schwieriger. Daher geht der Anstoß zur Scheidung wegen einer anderen Beziehung ungleich öfter von Männern aus. Frauen wollen die Scheidung, wenn sie es mit dem Mann nicht mehr aushalten, weil er gewalttätig ist oder Alkoholiker. Sie sind, wenn sie sich scheiden lassen wollen, meist am Ende ihrer Leidensfähigkeit angelangt.

Dafür zahlen Männer nach der Scheidung wesentlich mehr als umgekehrt.

Nur, wenn ein sehr erheblicher Einkommensunterschied besteht. Das lässt sich mühelos regulieren, indem ein Mann, der bislang Überstunden gemacht hat, keine mehr macht. Die Jagd nach dem Unterhalt zahlt sich meist nicht aus.

Aber für die Kinder schon, oder?

Auch das wird immer weniger. Wenn sich getrennt lebende Väter mit ihren Kindern befassen, wird ihnen das vergoldet, indem sie viel weniger Unterhalt zahlen. Wie geschiedene Frauen überhaupt noch über die Runden kommen, ist mir rätselhaft. Beträge von 200 bis 400 Euro im Monat sind auch bei Gutverdienern längst die Regel.

Geht es bei Scheidungen nur ums Geld?

Natürlich geht es um viel mehr. Aber wenn schon die Liebe weg ist, soll zumindest das Finanzielle passen. Geld ist eine ganz gute Kompensation für viele Widrigkeiten des Lebens. Man lässt sich meistens von jemand anderem scheiden als dem, den man geheiratet hat. Aber dass man vielleicht noch die Wohnung verliert, nicht mehr auf Urlaub fahren oder ins Theater gehen kann – das sehe ich als meine Aufgabe zu vermeiden.

Ab und zu werden ja auch Eheverträge unterzeichnet. Was bringen sie?

Gar nichts. Sie hebeln nur die Vorteile aus, die das Gesetz für den finanziell Schwächeren vorsieht. Eheverträge haben meist den Zweck, dass einer auf die Wohnung oder einen Teil der Ersparnisse verzichten soll. Aber wenn schon einmal das Brautkleid bestellt ist und alle Verwandten eingeladen sind, neigen Frauen dazu, alles zu unterschreiben. Vor allem können sich junge, gut ausgebildete Frauen überhaupt nicht vorstellen, wie negativ sich die Ehe auf ihren Karriereverlauf auswirken wird. Durch Eheverträge sind viel weniger die Friseurinnen gefährdet als junge Akademikerinnen.

Wieso das?

Wenn der Partner von der Friseurin verlangt, dass sie einen Vertrag unterschreiben soll, mit dem sie auf alles verzichtet, wird sie ihn fragen, ob er deppert ist. Die Akademikerin ist der Meinung, wenn der Mann sie nicht mehr liebt, will sie von ihm auch nichts haben – keinen Unterhalt, keine Ersparnisse. Und wenn sie ihn dann heiratet, er einen Job im Ausland bekommt, sie mitgeht, sich um die Kinder kümmert und nicht arbeitet, kann sie auch keine Ersparnisse anlegen. Dann ist sie vielleicht der Meinung, dass das Kind eine Psychotherapie braucht, der Mann aber nicht, und sie zahlt die Therapie mit dem Erbe der Oma. Und wenn sie sich scheiden lässt, hat sie keine Pension, keine Karriere, keine Ersparnisse und kein Erbe.

Aber man kennt doch auch Männer, die ihren Frauen nach der Scheidung so viel zahlen, dass ihnen kaum etwas übrig bleibt.

Aber nicht aufgrund des Gesetzes, sondern weil sie es freiwillig tun. Der maximale Unterhaltsanspruch einer Frau sind 33 Prozent seines Einkommens. Dazu kommt ein Abschlag von vier Prozent für jedes Kind. Gut verdienende Männer haben meist viele Kinder aus verschiedenen Beziehungen. Ein Beispiel: Ein Mann verdient 5000 Euro netto und hat zwei Kinder aus seiner ersten und zwei aus seiner zweiten Ehe. Dann bekommt die zweite Frau, wenn sie selbst nicht berufstätig war, 850 Euro. Das ist weniger als die Ausgleichszulage.

Wie teuer ist es, sich einen Scheidungsanwalt zu nehmen?

Die meisten verlangen pro Stunde 200 Euro aufwärts. 300 Euro sind die Regel.

Und wie viele Stunden wenden Sie für eine Scheidung auf?

Ich wende schon viel Zeit auf, weil ich die Klienten kennenlernen möchte. Manchmal können Kleinigkeiten wichtig sein.

Ist eine Scheidung mühsamer, wenn kein oder viel Vermögen da ist?

Die schrecklichsten Auseinandersetzungen gibt es dort, wo nichts da ist oder wo es sehr viel gibt. In der Mitte geht es am einfachsten.

Was ist mit älteren Menschen: Zahlt es sich im hohen Alter noch aus, sich scheiden zu lassen?

Ich frage die scheidungswilligen älteren Damen oft, ob sie nicht die biologische Lösung abwarten wollen. Aber ich verstehe auch die Frauen, die ihre Männer nicht aushalten. Männer leiden oft unter dem Machtverlust durch die Pension. Wenn dann nur noch die Frau da ist, beginnen sich die Männer oft um die Hauswirtschaft zu kümmern. Und dann fangen sie an, die abgepackte Wurst zu kaufen, weil die offene, die die Frau kauft, teuer ist. Oder sie drehen den Frauen in der Küche das Licht ab, weil sie die Zwiebeln eh auch im Dunkeln schneiden können. Es gibt schon gute Gründe, sich auch im Alter scheiden zu lassen.

Sie selbst sind ja schon lang verheiratet.

Ich bin unendlich lang verheiratet. Seit 1977.

Wie haben Sie das gemacht?

Mein Beruf wirkt eheerhaltend. Wir haben einander ganz gut ausgesucht, haben eine gewisse Grundzuneigung, ähnliche Interessen und Sichtweisen. Nach dem, was ich täglich höre, kommt mir mein Mann täglich großartig vor.

ZUR PERSON

Helene Klaar (*1948) ist seit 1976 als selbstständige Rechtsanwältin mit den Schwerpunkten Familienrecht, Miet- und Arbeitsrecht tätig. Sie hat sich in Österreich als Scheidungsanwältin einen Namen gemacht. Von Scheidungen rät sie aber ab, „weil eine nicht mehr sehr glückliche Ehe immer noch besser als das Trümmerfeld einer Scheidung“ sei. Klaar hat unter anderem das Buch „Scheidungs-Ratgeber für Frauen“ veröffentlicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2014)