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Schwangere Frauen werden alleingelassen - wie lange noch?

Abtreibung ist noch immer ein Tabu. 41 Jahre nach Einführung der Fristenlösung sollten wir aber endlich hinschauen, statt wegzuschauen.

Derzeit wird heftig über die Frage des würdevollen Sterbens diskutiert. Soll es einen „assistierten Suizid“ geben? Soll „Beihilfe zur Selbsttötung“ erlaubt werden? Brauchen wir statt dessen mehr Palliativmedizin? Heikle Fragen, besonders für Ärzte, die einen Eid darauf geschworen haben, Leben zu retten und zu erhalten. Eine wichtige Debatte.

Ein völliges Tabu bleibt hingegen die sensible Phase zu Beginn des Lebens. Stichwort: Abtreibung. Der Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs bis zur 12. Woche waren heftige Debatten vorangegangen, vor allem mit Vertretern der katholischen Kirche. Bundeskanzler Bruno Kreisky versprach damals im Gegenzug als „flankierende Maßnahmen“ eine verpflichtende unabhängige Beratung von Schwangeren, die einen Abbruch erwägen, sowie eine Statistik und Motivforschung. Diese Versprechen wurden nie eingelöst.

Die neue SP-Gesundheitsministerin will wie ihr Vorgänger Abtreibung im Krankenhaus in allen Bundesländern. Der Bedarf ist fraglich, denn es existieren in Österreich im Gegensatz etwa zu Deutschland und der Schweiz bis heute keine Zahlen, wie viele Schwangerschaften abgebrochen werden. Es gibt auch keine Studien, warum Frauen abtreiben, abgesehen von einer aktuellen stichprobenartigen Befragung durch eine Abtreibungsklinik. Das Argument, die Frauen „nicht belästigen“ zu wollen, ist offensichtlich vorgeschoben.

Den Verfechterinnen der Fristenlösung ging es damals um die „Befreiung der Frau“. In dem Sinne, dass Frauen und Ärzte nach einer Abtreibung nicht ins Gefängnis wandern sollten, war dies durchaus legitim. Dass es sich jedoch tatsächlich um eine Befreiung der Frauen handelt, darf bezweifelt werden. Vielmehr ist das Thema bis heute mit einem Tabu belegt. Es soll nicht öffentlich werden, wie viele es von ihnen gibt, niemand soll über ihre Motive erfahren, sie sollen nicht über die Nachwirkungen sprechen.

Letzteres ist ein besonders heikler Punkt. Denn es wird gerne unter den Tisch gekehrt, dass eine Abtreibung oft schwere seelische Folgen hat (Psychologen könnten viel darüber berichten). Die Frauen werden damit alleingelassen.

Ebenso fraglich ist, ob tatsächlich der Druck auf die Frauen gemindert wurde, oder ob dieser nicht verstärkt wurde. Da die Fristenlösung als „Errungenschaft“ angepriesen wird, wird erwartet, dass die betroffenen Frauen (und auch Männer) alles locker wegstecken. Schuldgefühle darf es nicht geben, denn das würde bedeuten, dass die Abtreibung ein Unrecht ist oder als solches empfunden wird.

Ebenfalls ein Tabu ist, wie Ärzte und Pflegepersonen damit umgehen, die Abtreibungen vornehmen (müssen). In einem berührenden Artikel in der „Zeit“ vom Oktober 2013 erzählte die Ärztin einer Hamburger Klinik von ihren Gefühlen. Als Mutter musste sie täglich Abtreibungen durchführen, um ihre Facharztausbildung abschließen zu können. Der Widerwille in ihr stieg, sie geriet in einen inneren Konflikt. Diesen Konflikt müssen jene, die mit Abtreibungen im Krankenhaus zu tun haben, allein mit sich austragen. Es wird argumentiert, dass kein Arzt, keine Pflegeperson dazu gezwungen werde. Aber wird man eine Stelle erhalten, wenn man dies von vorneherein ausschließt?

Es ist Zeit, bei den Schwangerschaftsabbrüchen in Österreich genau hinzuschauen. Nicht, um mit dem Finger auf die betroffenen Frauen zu zeigen, ganz im Gegenteil. Es geht darum, das Tabu zu durchbrechen und sie in ihrer Notlage nicht mehr alleinzulassen. Notwendig dafür ist eine anonyme Erhebung der Zahlen und der Motive. Dann können Hilfestellungen gegeben und über bessere Rahmenbedingungen nachgedacht werden.

Ebenso braucht es endlich eine unabhängige Beratung vor dem Abbruch und eine Bedenkzeit. Statt den Fokus auf eine flächendeckende „Versorgung“ mit Abtreibungskliniken zu legen, sollte dieser auf bessere Prävention und Beratung gerichtet werden.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Dr. Gudula
Walterskirchen ist Historikerin und
Publizistin. Sie war bis 2005 Redakteurin der „Presse“, ist seither freie Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher mit historischem Schwerpunkt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2014)