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Ökonom Otte: "Die Gefahr ist größer als 2008"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Der Ökonom Max Otte hat die Finanzkrise richtig vorhergesagt. Die gegenwärtige Lage hält er für noch ernster. Dennoch rät er zu Aktien und warnt vor Raus-rein-Strategien.

Die Presse: Kommt der Crash?

Max Otte: Ich bin keiner dieser Apokalyptiker, die mit dem Thema Crash durch die Welt ziehen. Man kann auch in diesen Zeiten Geld verdienen. Aber die Lage ist ernst wie seit 2008 nicht mehr, vielleicht ernster.

 

Das heißt, es könnte einen Crash geben, der schlimmer ist als 2008?

Ja. 2008 war die Panik die Gefahr. Man sah, dass das Kartenhaus Kredite wackelte, und ging in Panik raus. Da haben die Notenbanken richtig gehandelt und Liquidität nachgeschossen, um die Panik zu verhindern. Jetzt haben wir aber sechs Jahre lang wenig gemacht, um den Müll wegzuräumen. Die Schulden steigen weiter, es gibt die Krisen an der Peripherie, die Notenbankpolitik ist am Ende. Die Gefahr einer echten Weltwirtschaftskrise ist höher als 2008.

 

Werden auch die Aktienkurse auf das Niveau von 2008 oder darunter fallen?

Die Gefahr besteht immer. Eines steht aber fest: Österreichische Aktien sind billig. Auch der DAX ist nach dem jüngsten Kursrückgang leicht unterbewertet.

 

Österreichische Aktien sind schon ziemlich lang billig und werden nicht teurer.

Ich kann Ihnen nicht sagen, wann sie eine normale Bewertung erreichen. Aber mit der OMV haben Sie vier, fünf Prozent Dividende und beteiligen sich an einem soliden Unternehmen mit Substanz. Das kann man von der Voestalpine auch sagen. Ich weiß nicht, wann die Kurse steigen. Die Leute schauen zu viel auf die Kurse. Die Dividenden, also die laufenden Erträge, sind viel interessanter als etwa bei Immobilien.

 

Viele Leute fragen sich, ob es nicht gescheiter ist, den Crash abzuwarten und dann erst in Aktien zu gehen.

Das ist die typische Selbstüberschätzung. „Ich warte, bis die Bodenbildung kommt“– das ist ein doofer Spruch. Wann ist das? Man kann den Markt nicht timen– das sage ich als Profi. Wir haben im Fonds Kursrückgänge hinnehmen müssen, weil wir der Meinung sind, dass unsere Aktien gut sind. Aber dieses Rein-raus funktioniert nicht. Fast alle Laien wollen das und verbrennen sich die Finger, bis sie keine Lust mehr auf Aktien haben.

Der März 2009 wäre ein guter Einstiegszeitpunkt gewesen.

Das habe ich damals auch gesagt. Da hatte ich eine Punktlandung. Aber das war Zufall. 2008 hatte ich auch schon viele Aktien. Ich kann nur sagen: Österreichische Aktien sind sehr billig. Diese Aussage kann ich treffen.

 

Russische Aktien sind noch billiger.

Ja. Wir haben auch russische Aktien, die haben wir aber bei fünf Prozent im Fonds begrenzt. Da bestehen politische Risken, das muss man in die Waagschale werfen.

 

Gibt es momentan keinen Grund, aus Aktien rauszugehen?

Nein, jetzt schon gar nicht. Jetzt sind sie ja gefallen. Die Leute agieren immer prozyklisch. Teuer kaufen und billig verkaufen ist nicht die Strategie, um Geld zu verdienen.

 

Aber wenn der Crash kommt: Ist es dann so gut, Aktien zu haben?

Wollen Sie Sparguthaben halten? Wenn wir in die Deflation kommen, gibt es eine Währungsreform. Natürlich können auch die Aktienkurse einbrechen, aber Sie haben die Papiere noch. Ob die Voest in Euro, Schilling oder Rubel fakturiert, ist der Voest relativ egal. Wenn Sie Aktien mehr als drei Jahre halten, ist die Wahrscheinlichkeit von Kursverlusten gering. Wenn eine große Wirtschaftskrise hereinbricht, dann können es auch 15 Jahre sein. Man braucht halt Zeit.

Aktien haben hierzulande keinen guten Ruf. Aktionäre gelten als Spekulanten.

Warum sollte es Spekulation sein, sich auch als Arbeitnehmer am Produktivvermögen der österreichischen Wirtschaft zu beteiligen? Aber die Finanzlobby und die Versicherungslobby haben kein Interesse daran, dieses einfache Prinzip der Kapitalanlage zu erklären. Man will lieber komplizierte Produkte mit Versicherung und Rückversicherung verkaufen. Der beste Kunde ist ein emotionaler Kunde, der das Gefühl der Sicherheit kaufen will. Ihn kann man richtig abkassieren. Er zahlt ein und kümmert sich nicht drum, was ihm alles abgezogen wird.

 

Auch die staatlich geförderte Zukunftsvorsorge hat eine Kapitalgarantie.

Da verdienen sie auch daran. Eine Kapitalgarantie ist aber Quatsch, sie ist extrem teuer. Die beste Garantie ist, bei einem Aktiensparplan zehn Jahre nicht ranzugehen.

Bei uns fordern viele, dass es nur ja keine geförderten Altersvorsorgeprodukte ohne Garantie geben darf.

Das ist fürchterlich. Da glauben die Leute, Garantie ist etwas Gutes für sie. Dabei ist das nur im Sinn der Finanzlobby.

 

Soll man als Privater einzelne Aktien haben oder lieber Fonds?

Einzelne Aktien sollten Sie nur kaufen, wenn Sie die eiserne Disziplin haben, sie zehn Jahre lang liegen zu lassen. Für die meisten lohnen sich globale, breit aufgestellte Fonds. Keine Themenfonds wie Erneuerbare Energien, Biotechnologie oder Rohstoffe.

 

Man braucht also eher die richtigen psychologischen Voraussetzungen, um Aktien zu halten, als Wirtschaftswissen?

Beides ist gleich wichtig. Es ist wichtig, Unternehmen zu analysieren. Aber man muss es auch fertigbringen, die Aktien zehn Jahre liegen zu lassen.

 

Von automatischen Absicherungen (Stop-Loss-Orders) halten Sie nichts?

Das geht gar nicht. Stop-Loss heißt teuer kaufen und billig verkaufen. Das ist ein völliger Humbug. Aber der Mensch baut sich Brücken, wenn er ein Problem nicht wirklich durchschaut. Er will glauben, dass er das Problem durchschaut. Das ist eine Scheinsicherheit. Wer investiert, muss Unsicherheit in Kauf nehmen. Ich kann nur eines sagen: Österreichische Aktien sind billig.

ZUR PERSON

Der Ökonom Max Otte (50) ist Professor an der Fachhochschule Worms und an der Universität Graz und betreut den von ihm aufgelegten PI Global Value Fund. 2006 sagte er in seinem Buch „Der Crash kommt“ eine große Finanzkrise für 2007 bis 2010 voraus. 2008 ging die Lehman-Bank pleite, was die Finanzkrise auslöste. Otte wurde vom Magazin „Börse Online“ drei Jahre in Folge (2009 bis 2011) zum Börsianer des Jahres gewählt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2014)