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Jan Bosse: "Büchners Danton redet sich um seinen Kopf"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Jan Bosse inszeniert am Burgtheater "Dantons Tod". Die Premiere findet am 24.Oktober statt. Mit der "Presse" sprach er über die inszenierten Hinrichtungen des IS, über seine Nähe zu Robespierre und über das Paradoxe an Danton.

Die Presse: Georg Büchner schrieb „Dantons Tod“ vier Jahrzehnte nach der Französischen Revolution, er verarbeitete darin auch seine Erfahrungen der Revolution von 1830. Was projizieren Sie hinein?

Jan Bosse: Wenn man mich vor fünf Jahren gefragt hätte, wäre ich wohl noch nicht bereit gewesen, dieses Stück zu inszenieren. Mir ist der Stoff nicht durch die stille Revolution von 1989 nahegerückt, sondern eher in den vergangenen Jahren durch die Revolten, die heute in aller Welt passieren: in Nahost, der Ukraine, in Nordafrika mit dem Arabischen Frühling. Wiederum schlagen gerade Elan und Optimismus bei Katastrophen rasch um. Und alles ist noch schlimmer als vorher. Ich bin nicht mehr 23 wie Büchner, ich sitze anscheinend auf einer sicheren Insel, während die Welt rundherum explodiert. Da kann man sich doch nicht mehr distanziert benehmen. Büchner war politisch wach und ein Revolutionär. Da kann ich mit unseren jugendlichen vermummten Aktionen gegen die NPD im Schwabenland nicht mithalten.

 

Das Spektakulärste an der Französischen Revolution war die Guillotine, das Köpfen. Was unterscheidet diese Taten von jenen der IS-Terroristen? Scheuen Sie sich vor solcher Darstellung auf der Bühne?

Da empfinde ich wirklich Scham. Die inszenierten Bilder des IS funktionieren leider furchtbar gut, die Filme sind ästhetisch raffiniert gemacht. Man kann dieses Thema nicht ausblenden. Die Bilder sind alle in unseren Köpfen. Die reale Gewalt ist auf der Bühne aber undarstellbar.

 

Büchner hat sein Stück in wenigen Wochen hingefetzt, eine geniale Collage. Wie setzen Sie das um? In Ehrfurcht?

Ja, es ist eine tolle Collage, sein einziges vollendetes Stück, das man aber nicht als perfekt ansehen soll. Es bleibt ein Steinbruch. Wenn man die Quellen parallel liest, sieht man, wie genau er die Situation erfasst hat. Sein Drama spielt im vierten Revolutionsjahr, als das Ganze sozial bereits am Scheitern war.

 

Wer ist Ihnen näher: der Lebemann Danton oder der strenge Idealist Robespierre?

Es scheint schwer, für Robespierre oder St.Just Sympathie aufzubringen, so radikal sind sie – und uns so fremd. Sie werden so schnell zu „den Bösen“. In einem Punkt kommt mir der tugendhafte Robespierre aber sehr nahe: wenn er voll Zorn die Korruption ablehnt, das „Anything goes“, die Dekadenz. Die moralische Wut kann ich nachvollziehen. Robespierre hieß im Volk nicht ohne Grund der Unbestechliche. Er wollte einen Sumpf trockenlegen, um die Sache zu retten. Ein großes Thema ist die Überforderung. Ich versuche, mir immer begreiflich zu machen, was in diesen Figuren stiehlt, lügt, mordet. Der Philosoph Slavoj Žižek hat Verständnis für Robespierres Gedanken gezeigt. Tugend gehe vielleicht wirklich nur mit Terror, meint er. Ein bisschen Krieg, eine halbe Revolution, Bier ohne Alkohol, Drogen ohne gesundheitliche Folgen funktionieren nicht.

 

Und wie schneidet Danton bei Ihnen ab?

Er ist bei Büchner tief in der Krise, will gerade aussteigen. Joachim Meyerhoff spielt ihn bei uns aber nicht als fett gewordenen Großkotz, sondern als verzweifelten, energiegeladenen Mann, der sagt: „Ich mag nicht weiter.“ Er spricht fieberhaft, redet sehr viel– er redet sich um seinen Kopf, seine Worte bahnen sich selbst ihren Weg, sie wirken bei all den Ängsten und dem Chaos oft nicht kontrolliert. Danton erliegt seiner Hybris und schätzt die eigene Situation falsch ein. Auch nicht gerade eine Sympathiefigur. Das Schlimmste an ihm ist, dass er sich aus der Verantwortung zieht. Er kann sich seine persönliche Krise leisten, weil das Blut an anderen Händen klebt. Genau wie wir! Büchner liebt das Paradox, es steckt auch in dieser Rolle. Die zentrale Frage ist bei ihm die nach der Lüge. Sie lässt ihn nicht mehr los.

 

Gibt es in „Dantons Tod“ denn einen Charakter, der Ihnen sympathisch ist?

Vielleicht Camille Desmoulins. Er war maßgeblich für den Sturm auf die Bastille, ein kleiner Mann, ein Kleinbürger, aber mit einer großen Liebe. Er hat als Dantonist keine Chance. Robespierre opfert ihn, den engen Schulfreund. Es dürfe keine Privilegien, keine Götzen geben. Das sagt einer, der nach dem Ende des Stücks Diktator wird und vier Monate später selbst hingerichtet wird.

 

Haben Sie manchmal Revolutionsgelüste?

Ich frage mich schon, was heutzutage noch passieren müsste, um endlich vom Denken ins Handeln zu kommen, auf die Straße zu gehen. Diese Situation ist gar nicht so weit weg. Als Franzose etwa wäre ich bald mit der Frage konfrontiert, was ich machte, wenn die Rechtsextreme Marine Le Pen an die Macht käme. Oder die FPÖ in Wien. Auswandern? Kämpfen? Will man in so einem Land leben? Da ist das plötzlich nicht mehr abstrakt. Danton lehnt eine Flucht mit der berechtigten Frage ab: Nimmt man sein Vaterland an den Schuhsohlen mit?

 

Was für Lehren ziehen Sie aus „Danton“?

Auf heute bezogen kann es nur heißen, dass Radikalisierung das Schlimmste ist. Den goldenen Mittelweg aber muss man sich erst leisten können. Wie lange geht es uns noch so gut? Der Verdacht wächst in mir, dass Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nicht funktionieren können. Vielleicht sind das sogar einander ausschließende Prinzipien. Das macht hilflos. Denken Sie allein an den Süden Europas, wie explosiv die Situation in manchen Ländern ist. Oder die virulenten Grenzfragen allerorten, die Schutzmauern. Wir beharren hier auf unserer naiven Arroganz, weil zwei Generationen im Frieden gelebt haben. Diese Erfahrung gilt für die meisten Menschen auf der Welt nicht. Lassen Sie es mich pathetisch formulieren: Wenn die Welt um uns explodiert, spürt man auch, worum es sich zu kämpfen lohnt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2014)