Seipel: "Den idealen Direktor gibt es nicht!"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Der Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums zieht im Gespräch mit der "Presse" Bilanz: Hofräte, Saliera, politische Tücken.

Die Presse: Wie wird man Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums?

Wilfried Seipel: So etwas kann man nicht planen. Mein Lebensplan sah eigentlich die Ägyptologie vor, diese Laufbahn habe ich zuerst auch eingeschlagen. Erst an der Universität Konstanz bin ich auf die Idee gekommen, die Ergebnisse von Grabungen auszustellen. Da habe ich erkannt, dass mir dieses Veranschaulichen liegt. Ich bin 1983 in Konstanz Museumsdirektor geworden.

Welcher Direktor hat Sie beeinflusst?

Seipel: Geprägt hat mich ein sehr guter Freund: Arne Eggebrecht hat diese Art von Ausstellungen über Ägypten, Assur und Babylon praktisch erfunden. Er war 1974 bis 2000 Direktor des Römer- und Pelizaeus-Museums in Hildesheim. In Konstanz habe ich dann in zwei Jahren 30 Ausstellungen gemacht. Danach aber wollte ich nach Österreich zurück – und bin durch einen Zufall über Peter Baum ans Linzer Landesmuseum gekommen. Ich habe mich 1985 als Direktor beworben. Landeshauptmann Josef Ratzenböck war Kultur- und Finanzreferent – eine ideale Kombination. Er war an Ägypten interessiert, schrieb mir Hieroglyphen auf und fragte, was sie bedeuten: „Das heißt Pepi“, sagte ich. „Pepi, das bin ich“, sagte Ratzenböck. Es wurde von Anfang an eine gute Zusammenarbeit. Die Ägypten-Ausstellung „Mensch und Kosmos“ 1990 war sehr erfolgreich. Viele Wiener sahen sich das an, auch die Minister Tuppy und Busek sind immer wieder nach Linz gekommen.

Das hat vielleicht bei der Bestellung nach Wien eine Rolle gespielt.

Seipel: Wahrscheinlich. Ich war damals politisch überhaupt nicht verlinkt mit Parteien oder mit den Medien.

Aber Ihr Name ist politisch.

Seipel: Mein Name wird von den Sozialisten nach wie vor sehr schief angeschaut. Mein Ururgroßonkel, Prälat Seipel, war Kanzler in der Ersten Republik. Ratzenböck hat mich zuweilen so vorgestellt: „Seht's, das ist der Neffe vom Seipel!“ Aus politischen Motiven bin ich aber sicher nicht als Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums ausgesucht worden, sondern wegen der Ergebnisse in Linz. Man wollte, dass ich dieses Haus aus dem Dornröschenschlaf wecke.

Sie kamen 1990 in einer Aufbruchszeit nach Wien, als es noch eine Randlage hatte. Wo haben Sie sich neue Entwicklungen angeschaut?

Seipel: Auch Linz war ein Aufbruchsprojekt. Ich habe im Auftrag des Museums eine ausgedehnte USA-Reise unternommen, um mir verschiedene Häuser anzuschauen. Mit diesem Wissen hatte ich in Wien eine gute Ausgangsbasis. Das KHM war, auch aus mangelnder Fürsorge der Politik, wirklich sehr verstaubt, das kann ich ohne schlechtes Gewissen gegen meine Vorgänger sagen.

Gleich zu Beginn Ihrer Arbeit in Wien gab es viel Aufsehen, Skandalpresse.

Seipel: Bestimmte Personen wollten mich verhindern, das ist nicht gelungen. Wissenschaftsminister Busek hat zu mir gehalten. Es war ein medialer Sturm im Wasserglas.

Wie ist das, wenn man 1990 in ein Haus voller Hofräte kommt, die ihre eigenen Vorstellungen davon haben, wie ein derart traditionsreiches Museum zu führen sei?

Seipel: Es gab zwei Widerstände. Noch unter Wissenschaftsminister Tuppy wollte man mich zu einem Sektionschef machen. Ich habe mich sehr geehrt gefühlt, aber ich wollte das nicht, sondern eine Stabsstelle leiten, die direkt dem Minister unterstellt gewesen wäre und alle Museumsagenden koordiniert hätte. Das wurde publik und führte zu einem Aufruhr unter meinen Museumskollegen. Eine TV-Sendung mit Tuppy und (KHM-Chef) Fillitz hat Geschichte gemacht und ist beiden Herren nicht wohl bekommen. Das hat nicht geklappt. Ein Jahr später kam die Anregung, mich für das Museum zu bewerben. Der zweite Widerstand kam aus dem KHM. Dort war der Generaldirektor bis dahin ein Primus inter pares. Der älteste Sammlungsdirektor wurde zum Leiter. Sie können sich vorstellen, wie das aufgenommen wurde, dass ein junger Landesmuseumsdirektor aus Linz kam. Ich habe versucht, alle einzubeziehen, doch es gab zum Teil wenig Beweglichkeit. Das Haus war vollgestopft mit Depoträumen. Wir mussten Raum freischaufeln.

Sie gelten als Akkumulierer. Was hat es für einen Sinn, Museen zusammenzuführen?

Seipel: Diese Bestrebungen gab es immer. Vor der Eigenständigkeit waren die Häuser eben einem Sektionschef unterstellt, heute dem KHM-Generaldirektor. Warum sollte ein kleines Haus wie das Österreichische Theatermuseum eine eigene Verwaltung haben? Die wissenschaftliche Kompetenz, etwa im Museum für Völkerkunde, wurde nie in Abrede gestellt. Verwaltungs-, raum- und sicherheitstechnisch gibt es aber Synergieeffekte. Ernsthaft kann man nicht daran denken, dieses Paket wieder aufzumachen.

Was macht einen guten Direktor aus?

Seipel: Den idealen Direktor gibt es nicht. Diese Person muss irgendwo hin wollen und Einfühlungsvermögen haben. Es hat keinen Sinn, gegen den Willen eines Hauses zu arbeiten. Und man muss zur Politik ein halbwegs ausgeglichenes Verhältnis bewahren. Zu große Nähe wird einem übel genommen. Vielleicht war ich da ein bisschen zu unvorsichtig. Aber ich war der Ansicht, dass man politische Verbindungen für das Haus nützen muss. Wenn ich den Kontakt zur Politik nicht gehabt hätte, gäbe es wahrscheinlich kein Bundesmuseumsgesetz oder ein viel schlechteres.

SPÖ und Grüne stilisierten Sie bald zur Skandalfigur. Es gab einen kritischen Rechnungshofbericht, Anträge im Parlament.

Seipel: Es gab zwei große Prüfungen. Die eine war vom Rechnungshof, die andere der Diebstahl der Saliera. Im ersten Fall bin ich noch immer der Meinung, dass die Kritik in großen Teilen nicht gerechtfertigt war. Der RH-Bericht wurde instrumentalisiert, das ist in Österreich üblich, nur hat das ein verzerrtes Bild der Geschäftsführung des KHM ergeben. Zum anderen gebe ich zu, dass es besser ist, in einem Betrieb dieser Art die Verantwortung auf zwei Personen aufzuteilen. Wie gut das ist, sehe ich jetzt an meinem kaufmännischen Kollegen. Ich war anfangs zu optimistisch und meinte, ich schaffe das alles allein.

Was waren für Sie die wichtigen Ereignisse Ihrer Generaldirektion?

Seipel: Für mich persönlich die Neueröffnung der Ägyptisch-orientalischen Sammlung und der Antikensammlung. Auch die Gemäldegalerie ist in meiner Ära neu eingerichtet worden, das gesamte Haupthaus – mit Ausnahme der Kunstkammer – ist runderneuert worden. In der Neuen Burg am Heldenplatz sind die Hofjagd- und Rüstkammer sowie die Sammlung alter Musikinstrumente zu meiner Zeit neu aufgestellt worden, auch die Sammlungen in Schloss Ambras in Innsbruck.

Warum haben die Pläne für die Kunstkammer, zur Überdachung des Innenhofes und zur Fertigstellung des Museums für Völkerkunde nicht geklappt?

Seipel: Mit etwas gutem Willen hätte das noch in diesem Jahr ohne weiteres abgeschlossen werden können. Es gab private Zusagen für den Innenhof, die das Projekt zu zwei Dritteln finanziert hätten. Warum das Ministerium einfach auf fünf Millionen Euro verzichtet hat, ist mir ein Rätsel. Vielleicht wollte man mir das nicht gönnen? Ich weiß es nicht.

Was muss der/die Neue an der KHM-Spitze können? Welches Profil soll er haben?

Seipel: Meine 18 Jahre als Generaldirektor sind nicht unverknüpft mit der europäischen Museumsentwicklung. Es gab großen Nachholbedarf. Wir mussten aus dem Schatten des Vergessens heraustreten. Das KHM hat man damals international öffentlich nicht wahrgenommen. Ich habe es mit der internationalen Museumsszene vernetzt. Diese Zusammenarbeit wird weiterhin wichtig sein.

Und was war und bleibt das Wesentliche an der Arbeit im Haus?

Seipel: Wir waren bei der Schaffung des Bundesmuseumsgesetzes neben Holland führend in Europa. Allerdings haben wir nicht geahnt, dass uns das Finanzministerium so im Stich lassen wird. 1999 war das Museum in die Eigenständigkeit gewechselt, für spätestens 2002 war eine Nachjustierung der Finanzierung versprochen. Die ist erst im Vorjahr erfolgt. So wurde die Entwicklung über Jahre gehemmt. Wir mussten vieles, was nicht ertragreich war, aufgeben. Dem Nachfolger rate ich: Vielleicht sollten Eigendeckungsgrad, Besuchszahlen und Wirtschaftlichkeit wieder in den Hintergrund treten. Wir haben so viele Forschungsprojekte, aber über die wird kaum berichtet. Vielleicht sollte man künftig die bildungspolitische Wirkung stärker beachten. Das Herumwerfen mit Wirtschaftszahlen ist vielleicht nicht so wesentlich. Ich will das KHM nicht mit der Albertina vergleichen. Die ist heute eine Kunsthalle. Da wird man langfristig das Problem haben, wie man diese großen Flächen füllen wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2008)

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