Niemand kann Gusenbauer antisemitische Neigungen attestieren. Im Gegenteil. Meint der Kanzler aber, deshalb befugt zu sein zu sprechen, wie dem rassistischen Mob der Schnabel gewachsen ist?
Habe ich recht gelesen? Alfred Gusenbauer empfing, so berichtet Thomas Vieregge im jüngsten „Spectrum“ der „Presse“, internationale Korrespondenten am Ballhausplatz. Dabei soll er ins Stimmengewirr der Journalisten gerufen haben: „Nur ka jüdische Hast.“
Gebrauchte der Bundeskanzler wirklich diese Worte? Die Redewendung entstammt dem Klischee der vorgeblichen Geschäftigkeit jüdischer Händler. Geschürt wurde mit den Stereotypen von der jüdischen Hast oder mit den Auslassungen über die sprichwörtliche Judenschule seit alters her das Ressentiment gegen die Juden.
Bei Merkel gäbe es einen Skandal
Um Missverständnisse zu vermeiden: Niemand kann Gusenbauer antisemitische Neigungen attestieren. Im Gegenteil. Meint der Kanzler aber, deshalb befugt zu sein, zu sprechen, wie dem rassistischen Mob der Schnabel gewachsen ist? Glaubt er, durch lockeres Spiel mit dem Vorurteil witzig und cool zu wirken? Begreift er denn nicht, welche Rolle er als Staatsmann auszufüllen hätte? Ahnt er, welche Bedeutung die Wahl seiner Worte hat? Zumal angesichts der „Euro“, denn immer wieder schallen noch antisemitische und rassistische Sprüche über österreichische und europäische Fußballfelder.
Wenn in Deutschland Angela Merkel oder in England Gordon Brown Ähnliches von sich gegeben hätten, wäre ein Skandal unausweichlich gewesen. Oder fiel der Satz nicht so? Wo blieb dann das Dementi? Und wie reagierten in Wien jene Umstehenden, die des Kanzlers Worte vernahmen? Etwa mit betretenem Schweigen? Oder mit einmütigem Gefeixe? Es ist ja zu einer rechten Mordshetz geworden, den Kanzler auch nur wegen seiner Frisur, wegen seiner Tasche oder wegen seiner Kleidung zu attackieren. An allem scheint er bereits schuld zu sein. Um so lauter die ruhige Reaktion in diesem Fall. Woran liegt das?
Ist einfach niemand mehr erstaunt, wenn Alfred Gusenbauer danebenhaut? Oder gehört die Koketterie mit judenfeindlichen Schablonen zur Normalität? Will keiner in den Verdacht geraten, politisch allzu korrekt zu erscheinen? Vor einiger Zeit schreckten internationale Medien nicht davor zurück, den Kriminalfall von Amstetten mit der heimischen Vergangenheit kurzzuschließen. Es war ein hanebüchener Unfug!
Gusenbauer polterte daraufhin in seiner Ansprache am 1. Mai, er werde nicht zulassen, „wenn irgendjemand glaubt, unserer Jugend eine neue Erbsünde andichten zu können“. Auch eine eigentümliche Wortwahl. Gehört die Mär von der neuen Erbsünde nicht eher zum Repertoire der Neonazis?
Gehört das zur Imagekampagne?
Glaubt aber Gusenbauer, mit Sagern über die jüdische Hast etwa die Imagekampagne für Österreich befördern zu können? Will er so das Ansehen des Landes heben? Und welche anzügliche Bemerkung über welche Minderheiten dürfen wir denn in Zukunft erwarten, wenn der Kanzler wieder einmal vor Vertretern ausländischer Medien vom Leder zieht?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2008)