Sie kennen den Bildwitz: Ein Mann steht beeindruckt vor einer beträchtlichen Menge an eine Wand gezeichneter Darts-Scheiben, allesamt mit einem Pfeil genau in der Mitte.
„Wie ist das möglich?“, fragt er und erhält die Antwort: „Das war Dr.Theo Rie. Er wirft zuerst, und dann malt er die Zielscheiben.“
Aufmerksame Leser ahnen schon: Die leicht manierierte Namengebung in obiger Witzversion dient dazu, an die theoretischen Physiker zu appellieren, dass sie es nicht machen wie der Dr.Rie. Sie sollen die Scheiben malen, noch bevor geschossen wird, sie sollen ihre Einsätze platzieren, bevor die Kugel rollt. Konkret: Sie sollen voraussagen, welche Eigenschaften die Elementarteilchen haben, die ihre Kollegen im LHC („Large Hadron Collider“) finden wollen bzw. finden werden, bevor dieser startet.
Der riesige Teilchenbeschleuniger im Untergrund von Genf soll ja noch im Juni den Betrieb aufnehmen, erste Ergebnisse werden heuer erwartet.
Einstweilen blüht die Urknall-Poesie: Ansonsten prosaische Menschen dichten über den Ursprung des Kosmos, über dessen „Lebensodem“ gar, über das allumfassende Weltverständnis, das man sich vom LHC verspricht.Lassen wir die Kirche im Dorf: Zunächst hofft man, das Higgs-Boson zu finden, jenes Teilchen, über das der Physiker Leon Lederman ein Buch geschrieben hat, das er erst unwirsch „The Goddam Particle“ nennen wollte, bis ihm sein Verleger erklärte, dass „The God Particle“ im Buchgeschäft besser wirkt. Manchmal ist auch von „God's Particle“ die Rede, was theologisch doch einen kleinen Unterschied macht; der Zeitung „Der Standard“ bleibt das zweifelhafte Verdienst, den plumpen Wortwitz „Schluckauf Gottes“ in Druck gebracht zu haben.
Das bis heute rein hypothetische Higgs-Feld (und damit das Teilchen, das es verkörpert) diente der theoretischen Physik erstmals 1967 in der Vereinheitlichung der elektromagnetischen und der schwachen Kraft: um zu erklären, warum manche Vektor-Bosonen (=Teilchen, die eine Kraft verkörpern) eine Masse haben und andere, z.B. das Photon, nicht.
Leider ergibt dieser „Higgs-Mechanismus“ nicht wirklich, welche Masse das Higgs-Boson selbst haben soll; man hört nur von Abschätzungen, wie schwer es maximal werden könne: Vor fünf Jahren hieß es noch, 96 Gigaelektronenvolt (GeV) seien die Obergrenze; das wurde (nachdem der bis 115 GeV gefahrene Beschleuniger LEP kein Higgs-Boson gefunden hatte) auf 117 GeV korrigiert...
Indessen munkeln immer mehr theoretische Physiker, dass es gar nicht nur ein Higgs-Boson gebe, sondern gleich mehrere. Das sagen Theorien der Supersymmetrie voraus, heißt es: Man hoffe überhaupt, im LHC Teilchen zu finden, die laut diesen Theorien existieren müssen.
Schön! Der Skeptiker ahnt nur: Egal, welche Teilchen bei welchen Energien auftauchen, irgendeine Theorie wird sich finden, die – wenn die Parameter nur richtig gewählt werden – genau diese Teilchen voraussagt. Ein ungerechter Vorwurf? Eines kann ihn entkräften: Die Theoretiker sollen jetzt schon voraussagen, was man ihren Theorien nach wahrscheinlich finden wird. Dann werden wir mit umso größerer Spannung dem Tag entgegenfiebern, an dem aus dem Dunkel des Teilchenbeschleunigers die ersten Ergebnisse kommen. Higgs, wir warten!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2008)