Atomstrom unter grünem Mäntelchen

(c) AP (Christof Stache)
  • Drucken

Ein deutscher Ökostromanbieter kaufte teilweise auch Atomstrom über die Strombörse. Heimische Anbieter von Grünstrom brauchen Zukäufe über die Börse nicht.

Wien. Manche Menschen zahlen gerne etwas mehr für Produkte, wenn sie dadurch die Umwelt schonen. Sie gehen in den Bio-Supermarkt einkaufen, greifen zum Fair-Trade Orangensaft und beziehen ihren Strom von speziellen Ökostrom-Anbietern. Diese sind meist etwas teurer als herkömmliche Energieversorger, garantieren dafür jedoch, dass der Strom zu 100 Prozent aus regenerativen Quellen kommt. Fünf in diese Richtung spezialisierte Unternehmen gibt es in Österreich. In Deutschland sind es sogar mehrere hundert. Eines davon ist die Hamburger Firma Lichtblick. Doch die Kunden von Lichtblick erhellten ihre Lampen nicht immer mit Strom aus Wind, Sonne und Biomasse. Denn zum Teil kaufte der Ökostromanbieter auch Atomstrom über die Strombörse zu, wie er nach einem Bericht der „Financial Times Deutschland“ eingestehen musste.

Lichtblick versorgte sich über langfristige Verträge mit Strom aus Wasserkraftwerken, Windparks und Biomasseanlagen. Manchmal reichte diese Menge jedoch nicht aus, weil beispielsweise mehr Kunden als erwartet gleichzeitig ihre Waschmaschine einschalteten und den E-Herd aufdrehten. Um keinen Stromausfall zu haben, kaufte das Unternehmen dann Strom zu – über die Leipziger Strombörse. Auf dieser wird jedoch nicht unterschieden, aus welcher Quelle der Strom kommt. Bei viel Wind kann es auch vermehrt Ökostrom sein. Mit dabei ist aber auf jeden Fall Strom aus Kohle- und aus Atomkraftwerken.

Dass Lichtblick trotzdem als 100-prozentiger Ökostromanbieter zertifiziert wurde, hängt mit der gesetzlichen Regelung zusammen. So wurde aufgrund einer EU-Richtlinie in den meisten europäischen Ländern zwar die sogenannte „Stromkennzeichnungspflicht“ eingeführt. Demnach muss ein Stromanbieter für den Strom, den er an seine Kunden verkauft, die Herkunft nachweisen. Allerdings wird dies über den Zeitraum von einem Jahr gerechnet.

Ein Anbieter wie Lichtblick kann nun zu Engpass-Zeiten über die Börse zukaufen. Dafür hat er zu anderen Zeiten mehr Ökostrom, als seine Kunden verbrauchen, den er wiederum über die Börse verkauft. Im Endeffekt hat er übers Gesamtjahr so viel Ökostrom im Portfolio, wie er an seine Kunden verkauft und gilt als Ökostromanbieter. „Um zu überprüfen, ob der Ökostrom zu jeder Zeit ausreicht, müsste man pro Jahr rund 35.000 Viertelstunden-Daten (die kürzeste Zeitspanne in der Strom gemessen wird, Anm.) untersuchen. Das ist nicht zu administrieren“, sagt Christian Schönbauer von der E-Control.

Kein Zukauf über Börse

Allerdings können Kapazitätsengpässe auch ohne Zukauf über die Börse ausgeglichen werden. „Wir haben Verträge mit dem Verbund und der Salzburg AG. Wenn es bei uns einen höheren Strombedarf gibt, dann kaufen wir bei denen den Strom ein“, sagt Peter Molnar, Geschäftsführer der heimischen Ökostrom AG. Der Preis werde dabei zwar von der Börse bestimmt, der Bezug komme aber garantiert aus Wasserkraft. Ähnlich sieht man die Situation bei der Kärntner AAE Naturenergie. „Wir haben derzeit genügend eigene Kapazitäten, sodass es zu keinen Engpässen kommt. Ein Zukauf müsste aber aus gesicherten Quellen kommen. Wenn man sich als Ökostromanbieter ausgibt und dann an der Börse kauft, ist das problematisch“, sagt AAE-Geschäftsführer Klaus Steiner.

„60 bis 70 Euro mehr pro Jahr“

Diese Ökostrom-Garantie sei ein Grund für den höheren Preis, sagt Molnar. Wobei es sich pro Kunde „nur um 60 bis 70 Euro pro Jahr handelt“. Durch das Ökostrom-Gesetz fördern zwar alle heimischen Stromkunden die Ökostrom-Branche pro Jahr mit rund 300 Mio. Euro, egal welchen Anbieter sie haben. „Wir haben aber auch Verträge mit Ökostrom-Produzenten, die keine Förderungen über das staatlich geregelte System erhalten“, meint Molnar.

Sämtliche Herkunftsnachweise gelten sowieso nur auf vertraglicher Ebene. Physisch hat Strom ja „kein Mascherl“. Wenn ein heimischer Anbieter nun Strom bei einem Windkraftwerk in Norddeutschland kauft, kommen die Elektronen aus der heimischen Steckdose unter anderem aus dem tschechischen AKW Temelin.

Ökostrom im Blick

Der heimische Stromverbrauch wird zu 58 Prozent von Wasserkraft aus großen Wasserkraftwerken gedeckt. Weitere acht Prozent stammen aus Kleinwasserkraft, Wind, Biomasse und Solarenergie.

Die Stromkunden fördern die Ökostromanbieter (exklusive Wasserkraft) mit rund 300 Mio. Euro pro Jahr. Jeder österreichische Kunde zahlt dafür, egal von wem er den Strom bezieht.

Von den heimischen Versorgern haben sich fünf auf das Angebot von Ökostrom spezialisiert. Weitere acht Anbieter haben ebenfalls nur Strom aus regenerativen Quellen (darunter Verbund und Bewag).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.