Liechtenstein Museum: Wenn einem aber die Natur kommt!

(c) Sammlung des Fürsten von und zu Liechtenstein
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Was machten aufgeklärte Fürsten, wenn sie nicht regierten oder Krieg führten? Sie erholten sich in „Oasen der Stille“. Ein Blick in schöne Gärten.

Es kam wie ein Fieber über Europa und verschonte weder Hecke noch Halm. Von Großbritannien und Frankreich aus begannen die Adeligen in ihren barocken Palästen damit, die klassisch strengen Gärten umzupflügen, alles auszureißen, was Symmetrie besaß.

Was hatte zu dieser botanischen Revolution geführt, die eine Generation vor der blutigen, der Französischen Revolution, in den Hinterhöfen der Macht begann? Ein klarer Fall von britischem Spleen und französischem Bücherwahn: Die gebildeten Stände lasen damals die gefährliche Philosophie des Jean Jacques Rousseau. In seinem Roman-Monster „Julie“ (1761) schürte er die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen. „Zurück zur Natur!“, forderte der Dunkelmann der Aufklärung, und die Schlossbesitzer nahmen dieses Motto lustvoll auf. Urwälder, Wasserfälle, Ruinen, künstliche Berge konnte man bald in diesen Gärten bewundern. Großzügige Herrscher wie Joseph II. machten solche Reservate, etwa den Prater, öffentlich zugänglich. Nur am Sonntag sperrte man bis zehn Uhr morgens zu, damit das Volk zur Heiligen Messe gehe, ehe es im Grünen lustwandelte wie die Fürsten.

Helle Lusthäuser und dunkle Grotten

Im Wiener Liechtenstein Museum in der Roßau kann man die Auswirkungen des Gartenbooms noch heute im Park sehen, er hat zum Teil noch immer einen englischen Charakter. Im Palais hingegen wird in einer ausführlichen Schau gezeigt, wie sich diese Natur-Religion ausbreitete. Graf Zinzendorf, der auch mit Rousseau korrespondierte, war der erste hierzulande. Er schuf sich ein Refugium in Ernstbrunn im Weinviertel. Die Esterhazys (Eisenstadt) folgten, die Harrachs (Bruck an der Leitha) und die Schönborns (Göllersdorf), vor allem aber das Fürstenhaus von Liechtenstein. Es hatte ausreichend Grund dazu und verband das Angenehme mit dem Nützlichen. In Südmähren, in Greifenstein, in der Hinterbrühl wurden die natürlichen Paradiese zur hohen Kunstform, man betrieb zugleich jedoch auch Wertschöpfung durch Karpfenzucht, Baumwirtschaft, Blumenhandel.

In drei großen Räumen, dicht gedrängt, kann man eine Fülle von Landschaftsgemälden sehen (zum Beispiel von Schütz, Kobell, Jansa oder Alt), Grafiken, Pläne, Fotos, Skulpturen und Porzellan, insgesamt mehr als 200 Artefakte, darunter sogar profanes Gartenwerkzeug. Denn die Adeligen präsentierten sich gern auch als Gärtner – zwei zarte Figurinen aus Wien. Auch asiatisch gab man sich, wie ein Chinese mit Blumenkorb aus der Porzellanmanufaktur Chantilly, oder antikisierend, wie ein Stich der „Grotte des Neptun“ zeigt.

Diese nur oberflächlich harmlose Revolution der Gärtner propagierte den tätigen Menschen ganz im Sinne Goethes. Man demonstrierte die Harmonie des Schönen mit dem Nützlichen, schreibt Direktor Johann Kräftner in einem Essay über die Idee des Landschaftsgartens. Der Traum von Arkadien, der sich am Anfang der Entwicklung in Bildern von Jakob Philipp Hackert oder Josef Rebell widerspiegle, habe in diesen Gärten seine reale Erfüllung gefunden.

AUF EINEN BLICK

Die Schau „Oasen der Stille. Die großen Landschaftsgärten in Mitteleuropa“ ist im Liechtenstein Museum bis 18. November 2008 zu sehen. Freitag bis Dienstag, 10 bis 17 h. Eintritt: 4 €, Klassen pro Schüler 2 €. Führungen am Sonntag um 14, am Montag um 15 h. Der Katalog kostet im Shop 18 €.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2008)

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