„Es kommt darauf an, ob Häupl die Revolution will“

Politik-Berater Thomas Hofer ortet den Hauptgrund für die SPÖ-Krise im Egoismus der Landesparteien.

Die Presse: Am Montag tagt das SPÖ-Präsidium. Ist Alfred Gusenbauer danach Geschichte?
Thomas Hofer: Ich kann das nur sehr schwer glauben. Angekündigte Revolutionen finden selten statt. Ich erwarte eher einen Rucksack mit Aufträgen, die Gusenbauer gegenüber der ÖVP durchbringen soll.

Ein inhaltliches Ultimatum also.
Hofer: So könnte man das nennen. Damit will man den Kanzler signalisieren: Bis zum entscheidenden Parteitag am 9. Oktober solltest Du was auf den Tisch legen, das uns aus dem Umfrage-Tief holt.


Gusenbauers Tage werden also erst im Herbst gezählt sein.
Hofer: Er ist in der Vergangenheit schon so oft wieder aufgestanden, dass man ihm das vielleicht noch einmal zutrauen kann. Was aber schon ein Alarmzeichen ist: Dass es den Landesparteien egal ist, wie es der SPÖ im Bund geht. Wichtig ist nur die nächste Landtagswahl und die Frage, ob sich die mit Gusenbauer gewinnen lässt. Das könnte gefährlich werden.


Ist Gusenbauer selbst schuld an seiner misslichen Lage – oder sind es doch die Landeschefs? Wie ist die SPÖ so tief in die Krise geschlittert?
Hofer: Es ist eine Verkettung aus mehreren Dingen. Einige unglückliche Äußerungen, die er sich selbst zuzuschreiben hat. Dann ist es die Architektur dieser Großen Koalition an sich: Da kann auch ein anderer Kanzlerkandidat nicht viel gewinnen. Hinzu kommt die globale Themenlage: Gegen den Ölpreis ist der österreichische Kanzler ungefähr so handlungsfähig wie Fußball-Teamchef Josef Hickersberger an der Seitenlinie. Der Hauptgrund aber ist, dass den Landesorganisationen das Hemd näher ist als der Rock.


Wie kann der rote Karren wieder herum gerissen werden?
Hofer: Das Sinnvollste wäre, es nicht jetzt schon zum Showdown kommen zu lassen. Darauf ist die SPÖ nicht vorbereitet. Ich denke, Gusenbauer hat noch eine Chance, wenn er die Ochsentour durch die Partei macht und gegenüber der ÖVP versucht, alles raus zu verhandeln, was möglich ist.
Der ÖVP geht es in den Umfragen nur marginal besser. Die Debatten werden aber nicht so laut geführt.
Hofer: Selbst ÖAAB und Wirtschaftsbund haben in den letzten Wochen wenn, dann nur inhaltlich gestritten. Man attackiert sich gegenseitig, aber nie den Parteichef. Da ist die ÖVP disziplinierter. Die rote Chef-Zerfleischung ist ganz sicher zum Schaden der Partei.

Wie lange wird sich Gusenbauer noch halten können?
Hofer: Das traue ich mir nicht zu sagen. Aber es ist sicher die ernsteste Situation seiner Karriere. Es kommt jetzt darauf an, ob Michael Häupl die Revolution will. Doch ganz würde ich Gusenbauer noch nicht abschreiben. Nicht für Montag. Und auch nicht für Herbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2008)

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