Schnellauswahl

Strenges Strafgericht

Arrest für die Akteure, Begnadigung durch Kirchschläger.

Es war die Sternstunde für den „Express“-Journalisten Michael Jeannée. Kurt Kalb hatte ihm tags zuvor einen vagen Tipp gegeben – und Jeannée witterte die Sensation. „Beispielloser Skandal vor 500 Personen Freitagabend an Wiener Uni“ titelte er als Schlagzeile. Und nun begann sich auch die Justizmaschinerie für die Sache zu interessieren. Sieben Personen wurden einvernommen, am 12. Juni wurden Brus, Mühl und Wiener aufgrund eines gerichtlichen Haftbefehls vor einem Kaffeehaus verhaftet. Zunächst setzte es Verwaltungsstrafen: 28 Tage Arrest für Brus und Wiener („Erregung öffentlichen Ärgernisses“), 20 Tage für Otmar Bauer und Herbert Stumpfl („Störung der öffentlichen Ordnung“), 14 Tage Arrest für Weibel („Verächtlichmachung eines Regierungsmitglieds“).

Am 31. August fand am Landesgericht Wien die Gerichtsverhandlung statt. Zuvor hatte der – damals noch vielbeschäftigte – NS-verstrickte Gerichtspsychiater Hans Gross Günter Brus bescheinigt, „weder geistes-, noch gemütskrank“ zu sein. Der Originalakt des Prozesses ist verschwunden, hat Kandutsch herausgefunden, es existiert nur noch ein Ersatzakt. Der Prozess dauerte rund zehn Stunden, 25 Zeugen waren geladen, nur zwölf folgten den Ladungen. Der Staatsanwalt sollte später noch Karriere machen: Otto F. Müller hieß er.


Was aus ihnen wurde

Wiener wurde freigesprochen, Mühl bekam vier Wochen Arrest, Brus sechs Wochen – strengen – Arrest. Dem entzog er sich durch Flucht nach Berlin, im Jahr 1976 wandelte Bundespräsident Rudolf Kirchschläger die Strafe in eine Geldbuße um, Brus durfte wieder in die Heimat einreisen. Der heute 69-Jährige lebt in Graz. Er bekam 1997 den Österreichischen Staatspreis. Oswald Wiener (72) arbeitete in Berlin und Düsseldorf, Peter Weibel (64) ist in Karlsruhe tätig, Otto Mühl (83) ist heute in Portugal ansässig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2008)