Alfred Gusenbauer, Josef Kalina, Norbert Darabos – alle stehen derzeit zur Disposition.
Wien. In Zeiten des Umbruchs gedeihen auch Gerüchte prächtig. Ein nährreiches Biotop finden diese derzeit in der SPÖ vor.
Gerücht Nummer eins: Alfred Gusenbauer soll, um seinen Kopf zu retten, die beiden Bundesgeschäftsführer Josef Kalina und Reinhard Winterauer zur Ablöse freigeben. Vor allem über einen Abgang Winterauers wird schon länger getuschelt. Die Zentrale soll dann nur noch von einem Geschäftsführer geleitet werden – und der muss nicht mehr Kalina heißen. „Mit solchen Spekulationen muss man leben, wenn man den Job annimmt“, sagt Kalina knapp. Er arbeite mit Winterauer hervorragend zusammen.
Gerücht Nummer zwei: Norbert Darabos soll wieder zum Bundesgeschäftsführer der SPÖ gemacht werden, Sicherheitssprecher Rudolf Parnigoni soll das Verteidigungsministerium übernehmen und Josef Kalina wird Sicherheitssprecher der SPÖ im Parlament.
Gerücht Nummer drei: Peter Kostelka, einst SPÖ-Klubobmann im Parlament, nun Volksanwalt, soll gefragt worden sein, ob er sich ein Comeback in der Bundespolitik vorstellen könne, nicht als Gusenbauer-Nachfolger, sondern in einer anderen zentralen Funktion – als Minister oder Klubobmann. „Finde ich lustig“, dementiert Kostelka. Er werde sicher nicht in die Politik zurückkehren.
Krise zu weit fortgeschritten
Dass eine von ihm selbst verantwortete Personalrochade zum Befreiungsschlag für Alfred Gusenbauer wird, glauben aber selbst Wohlgesinnte nicht mehr. Dafür ist die Sache zu weit fortgeschritten. Es läuft alles auf eine Entscheidung hinaus: Entweder Gusenbauer darf weiter machen oder er wird abgelöst. Die zentrale Rolle dabei ist Michael Häupl zugedacht. Zuletzt gab es einige Treffen der beiden, die Atmosphäre wird als durchaus amikal beschrieben.
Der Showdown steigt am Montag im SPÖ-Präsidium. Zwei Varianten sind denkbar. Entweder Häupl bedeutet Gusenbauer, dass er abzudanken hat. Oder Häupl spielt wieder eines seiner Lieblingsspiele: Er sieht sich an, wer sich am Gusenbauer-Bashing beteiligt und macht diesen dann im Präsidium um einen Kopf kürzer. Ähnlich war er zuletzt mit Sozialminister Erwin Buchinger verfahren, der sich schon als Gusenbauer-Erbe sah und dann im letzten SPÖ-Präsidium wegen der Zustimmung zur Pensionsautomatik zurechtgestutzt wurde.
Während Vorarlbergs ÖGB-Chef Norbert Loacker gestern bereits Gusenbauers Rücktritt forderte, verlangte ÖGB-Präsident Rudolf Hundstorfer lediglich eine „rasche und zügige Personaldebatte“.
Sollte sich Häupl für Variante eins entscheiden, dann wird wohl Verkehrsminister Werner Faymann SPÖ-Chef und/oder Kanzler. Allerdings: Gusenbauer wird kämpfen. Er ist fest entschlossen, sich auch einer Kampfabstimmung am SPÖ-Parteitag zu stellen. Und schon beim Präsidium am Montag will er den „Sozialromantikern“ in Partei und Gewerkschaft vorrechnen, dass etwa das Maßnahmenpaket zur Gesundheitsreform unabdingbar ist – sonst sind die Kassen ab 2009 in Konkurs.
Dass Gusenbauer Sonntag freiwillig abtritt, ist übrigens Gerücht Nummer vier. Kordikonomy S. 26
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2008)