Es droht bleierne Zeit: pubertäres Fausttheater für Hausbesetzer.
Bei den bis heute weit über dieses Land hinaus beliebten Wiener Operetten unterscheidet man eine goldene und eine silberne Ära und einen Rest aus Blech. Man wird älter, das Neue verbraucht sich, so ist eben die Natur. Diese Gesetzmäßigkeit gilt auch für die Wiener Festwochen. Auf die goldne Zeit des Intendanten Luc Bondy folgt die silberne. Das in diesem Jahr gebotene Programm war, höflich gesagt, mittelmäßig, selbst wenn man zugestehen muss, dass mäßige Inszenierungen von Luk Perceval, Christoph Marthaler oder eben Altmeister Bondy noch immer weit über dem Wiener Durchschnitt liegen.
Diese Herren sind sozusagen die Relikte der goldenen Zeit, die Ausnahme, nicht die Regel für ein gelungenes Festspiel, selbst wenn Theater-Freaks wie Ariane Mnouchkine und Ivo van Hove mit Monster-Dramen entzückten. Mit einsamen Glanzlichtern. Denn enttäuschend waren vor allem viele kleinere Produktionen aus aller Herren Länder – schlecht gemachter Multikulti-Kitsch von Johannesburg bis München. Wenn das die Zukunft des Theaters sein soll, dann gute Nacht! Dann kommt die bleierne Periode. Pubertäres Fausttheater für Hausbesetzer. Da wollen wir lieber der Nostalgie huldigen, während wir auf das neue sozialkritische Drama warten, das uns berühren soll.
Nostalgisch dürfte auch der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny aufgelegt sein, denn er hat ohne ersichtlichen Grund sehr früh den Vertrag Bondys um weitere drei Jahre bis zur Saison 2013 verlängert. Eine mutige Entscheidung ist das nicht. Dahinter dürfte stecken: Entweder bekommt man Bondy im Paket als Intendant und Regisseur oder gar nicht, der Vertrag umfasst also einen hervorragenden Regisseur und einen mittelmäßigen Organisator.
Und einen feinen Trabanten aus der Welt der Oper. Denn nur über Bondy kann man auch einen französischen Star wie den Musikdirektor Stéphane Lissner binden, der leider in Wien viel zu wenig gewürdigt wird, vielleicht auch, weil er Wien recht selten die Aufwartung macht, weil er erfolgreich an der Mailänder Scala seinem Hauptberuf nachgeht.
Warum aber setzt sich der feinsinnige Kulturstadtrat derart unter Druck und spart sich den Gedanken an Erneuerung? Am Geld kann es nicht liegen, denn das ist in Wien reichlich vorhanden. Wäre es nicht besser, man entlohnt Weltstar Bondy für seine alles in allem einzigartigen Inszenierungen so großzügig, als wäre er auch Intendant, und holte sich zusätzlich einen Chef der Wiener Festwochen, dass es nur so kracht? Einen vom kämpferischen Naturell des Claus Peymann (Berliner Ensemble), falls die Nostalgie ins Extreme getrieben werden soll, eine wie Elisabeth Schweeger (Schauspiel Frankfurt), die sehr viel von diesem unbedankten Geschäft versteht, falls man bestes zeitgenössisches Theater haben möchte.
Die Stadt Wien aber setzt weiterhin auf das System Operette; ein wenig Gold an seltenen Tagen, ein wenig Silber für die Freunde der Tradition, und relativ viel Blech von exotischen Laienspiel-Gruppen. Es geht aber noch tiefer. Wann spart man sich endlich das bizarre Eröffnungsfest ein, das in diesem Jahr wie ein Vorspiel zur Euro-Fanzone wirkte? Das passt zu Stockhausen wie Ballermann.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2008)