Sabine Haag, die künftige Generaldirektorin des KHM – was mag sie, was hat sie vor mit ihrem Haus?
Die Presse: Wie hat es Ihre Familie aufgenommen, dass Sie 2009 die neue Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums werden?
Sabine Haag: Als erstes habe ich mit meinem Mann beredet, ob ich überhaupt auf das Angebot der Ministerin zu einem Gespräch eingehen solle. Er hat mir seine volle Unterstützung versprochen, das sei eine einmalige Chance. Unsere drei Kinder waren nicht eingebunden, dazu sind sie noch zu klein. Jetzt sind sie unglaublich stolz. Aber das Leben geht ganz normal weiter. Gleich darauf haben sie von Schulproblemen geredet.
Machos würden da wohl meckern, so eine Doppelbelastung sei nichts für Frauen. Aber Ihre Familie gibt Ihnen offenbar Kraft?
Haag: Natürlich ist es eine Doppelbelastung, aber die Familie ist auch eine doppelte Energiequelle. Das klingt vielleicht sexistisch, aber jede Frau, die Familienleben zu managen hat, ist auch ein gelerntes Organisationstalent. Sie muss den Alltag strukturieren und Teamspieler sein.
Kommen Sie aus einer kunstbegeisterten Familie? Dass Sie als Vorarlbergerin gut Ski fahren können, ist ohnehin anzunehmen.
Haag: Ja, ich komme aus einer großen Familie mit fünf Kindern, die nicht nur die bildende Kunst liebt, sondern auch die Bücher. Meine Eltern haben uns früh in Theater, Oper und Ballett mitgenommen. Wir sind viel gereist und haben Ausstellungen besucht. Das war nicht aufgesetzt, sondern echtes Interesse. Und Ski fahren kann ich wirklich gut. Aber für Rennen hat mein Ehrgeiz nicht gereicht.
Wann haben Sie sich entschlossen, Kunstgeschichte zu studieren?
Haag: Mit 13 Jahren. Nach der Matura war ich in Amerika und habe englische Literaturgeschichte studiert. Das ist bis heute meine zweite große Liebe im akademischen Bereich. Besonders schätze ich unter den zeitgenössischen Autoren Jonathan Franzen und Jonathan Safran Foer. Beim Studium in Innsbruck und Wien habe ich mich bald gegen den Lehrberuf entschieden.
Sie sind seit 18 Jahren am Kunsthistorischen Museum. Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Was macht man denn so in einer Kunstkammer, wenn man nicht gerade Fachbücher liest?
Haag (lacht): Zum Lesen kommen wir leider viel zu selten. Mich hat anfangs die Vielfältigkeit der Museumsarbeit überrascht. Ich war mit der Inventarisierung betraut und bin von meinen Kollegen sehr offen aufgenommen worden. Das war ein wichtiger Grundstock. Dann habe ich mich der Arbeit am Elfenbein gewidmet. Das ist eine komplexe Arbeit der Einordnung. Ich war mit Kleinkunst nördlich der Alpen beschäftigt. Alles Weitere, das Schreiben von Katalogen, Führungen, Kuratieren von Ausstellungen, hat sich dann von selbst ergeben.
Wie schwer fällt es, aus einer längeren Karenz zurückzukehren?
Haag: Generaldirektor Seipel hat sich vorbildlich verhalten, er hat mich sehr gefördert und meine familiäre Situation nicht als Belastung gesehen. Ich wurde mit wichtigen Sachen betraut, als ich nach drei Jahren zurückgekehrt bin; mit Ausstellungen über Bernstein und Elfenbein, dem KHM-Jahrbuch, der wissenschaftlichen Leitung der Neuaufstellung der Kunstkammer. Er wollte eine jüngere Generation dafür einsetzen.
Welchen Umfang hat Ihr bisheriger Bereich, welchen Ihr künftiger? Und nach welchem Fahrplan wird die Kunstkammer eröffnet?
Haag: In der Kunst- und Schatzkammer arbeiten 19 Personen, das muss jetzt aufgestockt werden, im KHM 400. Die Pläne sind seit einiger Zeit fertig, jetzt kommt es auf den politischen Willen an. Wir haben keine schriftliche Zusage von Ministerin Schmied, aber die Garantie, dass dieses Projekt Priorität hat. Auch Finanzminister Molterer ist willens, Mittel bereitzustellen. Man kann so etwas nicht aus dem Ärmel schütteln. Die Kunstkammer umfasst 13 Säle und neun Kabinette, das sind 2700 Quadratmeter, auf denen 3000 Objekte gezeigt werden sollen. Diese Größe ist enorm. Die Kunstkammer muss in meiner Amtszeit (bis 2014) eröffnet sein. Ein dauerndes Provisorium ist absolut zu vermeiden. Ich will das Projekt so schnell wie möglich unter Berücksichtigung der notwendigen Etappen finalisieren. Es dauert aber noch mindestens drei Jahre. Dazu brauchen wir die Zusagen der öffentlichen Hand. Ich bleibe in Personalunion auch Direktorin der Kunstkammer. Die Eröffnung wird dann hoffentlich ein barockes Fest, für alle, die sich mit uns freuen.
Was für eine Beziehung haben Sie zu den Habsburgern, die all dies hier sammelten?
Haag: Von Kindheit an positiv und unverkrampft. Eine meiner Großmütter hat den Kaiser noch gesehen. Ich habe großen Respekt vor deren Sammelleistung. Wir leben in einer Republik, aber man sollte sich nicht von dieser Vergangenheit distanzieren.
Sind Sie damit zufrieden, dass das KHM, von Seipel forciert, auch andere Institute wie das Museum für Völkerkunde und das Theatermuseum umfasst. Oder sollte man da entflechten?
Haag: Die bisherige Konstruktion funktioniert sehr gut, es haben sich viele Synergieeffekte ergeben. Das Profil der einzelnen Häuser muss gewahrt bleiben. Wie man das bündelt, ist eine politische Entscheidung.
Wie gehen Sie damit um, plötzlich im Mittelpunkt des medialen Interesses zu stehen?
Haag: Vor vielen Menschen zu sprechen, bin ich gewohnt, aber die große Öffentlichkeit wie bei meiner Vorstellung durch die Ministerin ist eine neue Erfahrung für mich. Die Journalisten waren bei dieser Pressekonferenz wohl mehr erstaunt als ich. Den Umgang mit den Medien werde ich mir erarbeiten. Was mich berührt hat, waren die positiven Reaktionen im Haus. Man war wohl froh, dass endlich eine Entscheidung gefallen ist. Die Zeit bis zum Antritt werde ich intensiv für Gespräche mit Kollegen nützen. Ich sehe mich hier im Museum als Teamworkerin, als Prima inter pares.
„PRESSE“-AKTION
■Elfenbein-Skulpturen, Tafelaufsätze, eine Natternzungen-Kredenz und natürlich die berühmte Saliera – die Kunstkammer ist eine der wichtigsten Sammlungen des KHM. Seit 2002 lagern die wertvollen Schätze im Depot. Die „Presse“ sucht Paten für die Restaurierung: www.diepresse.com/kunstkammer. Spendenkonto: PSK Nummer 900 28 580 Bankleitzahl 60.000.
Sabine Haag, geboren 1962 in Bregenz, studierte Kunstgeschichte und Anglistik. Seit 1990 ist sie im KHM. Seit 2007 leitet sie die Kunstkammer und die Schatzkammer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2008)