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18 Jahre eingesperrt: Schock über "italienisches Amstetten"

(c) EPA (AG.FRATTARI / CASERTA PRESS)
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Wegen ihrer unehelichen Schwangerschaft wurde eine Frau aus Kampanien von ihrer Familie 18 Jahre lang gefangen gehalten. Der Sohn wuchs mit der "Gefängnis-Wärtern" auf.

Rom. Ein Bauernhaus im süditalienischen Santa Maria Capua Vetere. Ein Zimmer darin, voller Schmutz, voller Abfall, voller Exkremente. Der Rest des Bodens bedeckt mit Zigarettenkippen. Auf dem zerfetzten Bett ein Aluminiumnapf. Überall ein beißender Gestank.

So lebte Maria M. 18 Jahre lang. Ihre Familie ließ sie nicht mehr vor die Tür. 1990 war Maria 29 Jahre alt. Damals wurde sie schwanger – als Unverheiratete und auch noch von einem unbekannten Mann. Diese „Schande“ sollte vor der Welt verborgen bleiben. In dem Haus nahe Neapel, in dem es sonst nur dünne Holztüren gibt, baute die Familie eine starke Stahltür ein. Dahinter wurde Maria eingeschlossen. Als die Carabinieri die Frau nun befreiten – anonyme Hinweise hatten sie auf ihre Spur gebracht –, machte sie einen verwirrten Eindruck. „Sie hat uns empfangen mit einem Heulen, mit einem ganz unmenschlichen Schrei“, erzählt Hauptmann Carmine Rosciano: „Verständliche Worte konnte sie nicht sprechen.“


Sohn lebte im selben Haus

In Maria M.s Zelle wurde kein Fernseher gefunden, keine Zeitschrift, kein Telefon – nichts, womit sie sich eine Verbindung zur Außenwelt hätte erhalten können; kein Spiel auch – nichts, womit sie sich die Zeit hätte vertreiben können. Als die Carabinieri sie fanden, hockte sie auf dem Bett und rauchte.

Verhaftet wurden Marias 45-jähriger Bruder, der den Bauernhof führte, ihre 54-jährige Schwester, eine Kindergärtnerin; der 80-jährigen Mutter wurde aufgrund ihres Alters Hausarrest zugestanden. Der alte M. war bereits 1985 gestorben.

Marias Sohn hat die ganzen Jahre über im selben Haus gelebt. Er besucht eine höhere Schule in geringer Entfernung vom Bauernhof. Ob er Kontakt zu seiner Mutter hatte, ob er überhaupt wusste, wer die Gefangene im Nachbarzimmer war, ist bisher nicht klar. Bis auf weiteres ist der knapp 18-Jährige nun zu einem nahen Onkel gezogen.

Maria M. befindet sich unterdessen in einer psychiatrischen Klinik in Neapel. Die Familie hat den Behörden noch vor einem Jahr ein ärztliches Attest vorgelegt, dem zufolge Maria geistig krank war. Sie kassierten für sie sogar, offenbar über Jahre hinweg, Invalidenrente und Erstattung für die Pflegekosten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2008)