SPÖ-Akademikern hängt die Personaldebatte schon zum Hals heraus.
WIEN (ett). Guter Rat ist gefragt. Die „Zeitschrift für Sozialpsychologie und Gruppendynamik“ liegt auf einem der Sessel, die für den Bundestag des BSA, des Bundes Sozialdemokratischer Akademiker/Innen, bereitgestellt sind. Der einschlägige Band ist zwar schon aus dem Jahr 2003, aber vielleicht hilft er bei der Selbstfindung der einstigen Arbeiterbewegung anno 2008.
Das Umfrage-Tief von Kanzler Alfred Gusenbauer und der SPÖ hat in der Psyche der Roten deutliche Spuren hinterlassen. In einem sind sich die gut hundert BSA-Mitglieder, die zur Konferenz nach Wien-Altmannsdorf gekommen einig: die öffentlich geführte Personaldiskussion um Gusenbauer ist nicht mehr auszuhalten.
„Umstrittene Leitfigur“ soll weg
Die Niederösterreicherin Barbara Brunner wünscht sich am Samstag am Rande der BSA-Tagung, als sie noch nichts von der von Wiens Bürgermeister Michael Häupl abgeblasenen SPÖ-Revolte wissen kann (siehe Bericht oben),dass im SPÖ-Präsidium „schon sehr konkret“ eine Nachfolge-Diskussion geführt wird. Die rote Akademikerin sagt über Gusenbauer: „Ich sehe ihn als sehr umstrittene Leitfigur unserer Partei. Ich könnte mir vorstellen, dass mit einem Wechsel neue Möglichkeiten geschaffen werden.“ Sie wirft ihm vor, dass grundlegende Wahlversprechen nicht eingehalten wurden, „damit haben wir sehr an Glaubwürdigkeit verloren“.
So weit geht die Juristin Barbara Auracher-Jäger nicht, aber auch sie meint flehentlich: „Wichtig ist eine klare Lösung. Jede weitere Diskussion schadet der sozialdemokratischen Bewegung.“ Aber, so schickt sie nach: „Wenn man sich entscheidet, keinen Wechsel herbeizuführen, muss das auch eine klare Entscheidung sein.“
In die gleiche Kerbe schlägt Hannes Bauer, einst Staatssekretär, nun langgedienter SPÖ-Parlamentarier und Mitglied des SPÖ-Vorstandes. Wenn man der Auffassung sei, mit der jetzigen Führung seien nicht die besten Wahlergebnisse erzielbar, müsse man den Mut haben, das klar zu sagen. Der Niederösterreicher warnt: „Schwelende Konflikte sind am furchtbarsten, weil sie am schädlichsten sind.“ Andernfalls müsse es von Montag an „die volle Unterstützung“ für den Parteichef geben.
Zwei jüngere Mitglieder der roten Akademikerschmiede rechnen auch längerfristig nicht mit Gusenbauers Ablöse. „Nix wird passieren“, prophezeit ein BSA-Aktivist. Die „logische Konsequenz“ sei aber, dass Gusenbauer selbst jemanden in der SPÖ austauscht: „Es gibt logische Rücktrittspuffer.“
Mehr Härte gegenüber der ÖVP
Sein Gesinnungsgenosse assistiert: „Wenn ein anderer Spitzenmann da ist und dieselbe Kompromissbereitschaft gegenüber der ÖVP, wird das nichts nützen.“ Daher müsse die SPÖ sich einfach im Parlament andere Mehrheiten suchen, etwa zur Abschaffung der Studiengebühren. Diese Profilierung müsse auch auf die Gefahr hin erfolgen, dass die ÖVP dann in Neuwahlen geht.
Die Neuwahl im BSA ist inzwischen vollzogen: 96,3 Prozent für Justizministerin Maria Berger. Ein Ergebnis, von dem Gusenbauer am Parteitag nur träumen kann.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2008)