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Behörden-Skandal: Britischer Zug des Versagens

Die peinlichen Verluste von Geheimunterlagen in Vorortebahnen häufen sich.

London. Wer in Großbritannien Staatsgeheimnisse erfahren will, braucht offenbar keinen Tresor zu knacken oder sich in einen Computer zu „hacken“. Es reicht die Fahrt mit einem Vorortezug: Wenige Tage, nachdem die BBC den Fund von höchst geheimen Unterlagen zur Terrorgefahr in einem Zug nach London-Waterloo meldete, berichtete die Zeitung „Independent on Sunday“ gestern einen neuerlichen Zwischenfall. Vertrauliche Dokumente über Geldwäsche, Terror-Finanzierung und Drogengelder seien erneut in einem Zug gefunden und der Zeitung übergeben worden.

Nach der Aufregung um streng geheime Terrorpapiere ist das eine neuerliche Blamage für die Behörden. Außenminister David Miliband kritisierte den neuerlichen Vorfall als „absolut unverzeihlich. Wir nehmen das äußerst ernst.“ Eine Untersuchung sei bereits eingeleitet worden. Die Regierung wird hoffen müssen, dass diese sorgfältiger durchgeführt wird, als es in britischen Behörden Standard zu sein scheint.

Denn die peinlichen Verluste häufen sich: 2007 musste das Finanzministerium zugeben, dass die Daten von 25 Millionen Beziehern von Sozialleistungen „verloren“ gegangen sind. Die persönlichen Angaben von drei Millionen Führerscheinanwärtern waren kurz darauf ebenfalls verschwunden, Laptops mit geheimen Armee-Informationen konnte man plötzlich auch nicht mehr finden.


Nur „bedauerliche Einzelfälle“?

In allen Fällen überschlugen sich die Behörden in Entschuldigungen und sprachen von „bedauerlichen Einzelfällen“. Nach derselben Logik wird ein Fußballmatch von zwei Mal elf Spielern bestritten, nicht zwei Mannschaften.

Das strenge Verbot, vertrauliche Unterlagen „außer Amtes“ zu bringen, wird offenbar großzügig umgangen. Ein britisches Ministerium zu besuchen, ist in Zeiten der Terrorangst mit strengeren Kontrollen verbunden als ein Flugzeug zu besteigen. Geheimpapiere aber werden beim Verlassen der Amtsgebäude offenbar nicht von den Sicherheitsgeräten erfasst.

Wer sich nun auf den nächsten spektakulären Fund in einem Zug freut, sei aber gewarnt. Gerade jene Verbindungen zwischen dem Zentrum von London und den südwestlichen Vororten, in denen sich die beiden jüngsten Zwischenfälle ereigneten, sind am Abend oft rollende Mülleimer. Wer da etwas finden wollte, müsste sich erst durch zurückgebliebene Zeitungen, kaltes Junk Food und halbvolle Pappbecher mit klebrigen Getränken wühlen.

Zu fortgeschrittener Stunde schwanken die meisten Fahrgäste nicht nur wegen der Geschwindigkeit des Zuges. Noch mehr schwankt aber nach den jüngsten Vorfällen mittlerweile das Vertrauen der Briten in ihre Verwaltung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2008)