Kritik Musikverein: Viel Freude mit dem „Ex“

'Frühling in Wien' Am Ostermontag überträgt der ORF traditionsgemäß aus dem Goldenen Wiener Musikvereinssaal das alljährliche Frühjahrskonzert der Wiener Symphoniker, 'Frühling in Wien'. Am Pult steht bei diesem Konzert, das sich beim Publikum großen Zuspruchs erfreut, wieder Vladimir Fedosejev.
'Frühling in Wien' Am Ostermontag überträgt der ORF traditionsgemäß aus dem Goldenen Wiener Musikvereinssaal das alljährliche Frühjahrskonzert der Wiener Symphoniker, 'Frühling in Wien'. Am Pult steht bei diesem Konzert, das sich beim Publikum großen Zuspruchs erfreut, wieder Vladimir Fedosejev.(c) ORF (Ali Schafler)
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Fedosejew und Maisenberg mit Tschaikowsky und Dvorák.

Die Wiener Symphoniker und Wladimir Fedosejew: Zu den erstaunlichsten Erbteilen der Ära Rainer Bischofs als Manager des wichtigsten Wiener Konzert-Orchesters gehört die früher angesichts einer Fülle beleidigter Leberwürste undenkbare Tatsache, dass ehemalige Chefdirigenten mit Freude ans Pult zurückkehren – und vom Publikum wie von den Musikern mit viel Applaus bedacht werden.

Wenn Fedosejew ein, zwei Mal im Jahr zu den Symphonikern zurückkehrt, dann sind in der Regel besonders intensive musikalische Erlebnisse garantiert. Und Begegnungen mit viel gespielten Meisterwerken, die plötzlich wie neu klingen.

Diesmal galt das für Dvoráks „Neue Welt“-Symphonie, ein viel geschundenes Stück, bei dem uns der Dirigent kaum Zeit gab fürs genussvolle Zurücklehnen. Vom ersten Moment an herrscht bei Fedosejew Hochspannung – die Introduktion wird kraft der innewohnenden Energie zur explosiven Vorbereitung des dramatischen symphonischen Theaters. Der Dvorák der Spätphase, der Schöpfer bildhafter Tondichtungen in der Liszt-Nachfolge, kündigt sich da bereits an. Auch hier, noch im scheinbar klassizistisch-viersätzigen Ambiente, ist jede Phrase, jeder Ton Ausdruck, Zeichen, Gestalt: Dass die Themen der Symphonie sich nicht in ihrem engsten Umfeld erfüllen, sondern in allen Sätzen ihr Wesen treiben, dass Wiederkehr, Wiedererkennen von beglückender oder, je nachdem, auch bedrohlicher, beängstigender Wirkung sein können, das wird in einer solch expressiven Deutung zum geradezu theatralischen Ereignis.

Gewiss, die Wiener Symphoniker haben schon homogener geklungen als derzeit, doch ihre Kunstfertigkeit haben sie bewahrt, liefern butterweiche, samtene Streicher-Einsätze, verbinden Phrasen durch unhörbare Nahtstellen zu Endlos-Melodien, lassen aber auch – in den prägnant-virtuosen Bläsersoli vor allem – auch die kleinste Klangbotschaft zum ausdrucksstarken Ereignis werden.

Maisenbergs feine Akzente

Der Hörer kommt jedenfalls eine Dreiviertelstunde lang nicht zur Ruhe. Auf den viel später getätigten Ausspruch Alban Bergs, demzufolge musikalische Themen „Schicksale erleiden“ können, machen sich die Symphoniker bei Dvorák schon ihren Reim. Atemloser Spannung folgt denn Jubel im Goldenen Saal. Er dankte zuvor bereits Oleg Maisenberg, der mit dem animiert musizierenden Orchester als primus inter pares Tschaikowskys b-Moll-Konzert musizierte. Er verzaubert heute vor allem mit feinen Zwischentönen, subtilsten Akzenten, die er – etwa im Prestissimo-Teil des Mittelsatzes – dem Steinway entlockt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2008)

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