„Boarding Pass to Paradise“ – eine exemplarische Ausstellung über den Exodus im II. Weltkrieg.
Es ist eine traurige Geschichte. „Ich werde meine Marionetten aufhängen“, sagte Fritz Haendel am 7. Jänner 1945 zu seinen Freunden Béda und Hanna Mayer, mit denen ihm 1940 die Flucht vor den Nazis gelungen ist. Sie wollten ins damals von den Briten verwaltete Palästina, wurden aber nach Mauritius verschlagen. Haendel nimmt ein Paket mit starkem Draht und verlässt die Werkstatt, erinnern sich die Freunde. Kurz danach finden sie ihn erhängt. „Er zeichnete lustige Bildchen, und dabei hat er über den Tod nachgedacht“, schreibt Hanna.
Der Karikaturist, Zeichner, Marionettenspieler Fritz (Bedrich) Haendel (1910-1945) und der Maler Peretz Béda Mayer (1906-2002) sind keine weltberühmten Künstler, aber ihr Schicksal ist exemplarisch für den Exodus, den der Nazi-Terror für die Juden in Europa ausgelöst hat. Die beiden Freunde haben die Flucht aus Pressburg/Bratislava über die Donau nach Mauritius wie als Tagebuch dokumentiert. In ihren Aufzeichnungen und Bildern ist die Angst spürbar, zugleich aber auch der unbedingte Überlebenswille und Humor, der selbst in dieser bedrohlichen Lage aufkam.
In Wien ist die berührende Ausstellung „Boarding Pass to Paradise“ (Kuratorin Elena Makarova) bis Ende Juli im Schifffahrtszentrum zu sehen. Es dominieren künstlerische Arbeiten der Flüchtlinge auf der vollkommen überladenen „Schönbrunn“, die im September 1940 in Wien ablegte und mit zwei weiteren Dampfern 1500 Passagiere bis ans Schwarze Meer brachte. Zudem gibt es Fotografien, Akten, persönliche Gegenstände, die diese abenteuerliche Reise veranschaulichen. Auf der „Schönbrunn“ lernten sich Mayer und Haendel kennen, schlossen Freundschaft. Von Tulcea aus ging es weiter auf der „Atlantic“, die dann den Hafen von Haifa anpeilte. Die Briten aber verweigerten den Juden den Aufenthalt in Palästina und verfrachteten sie auf die Insel Mauritius im Indischen Ozean. Es war kein Paradies für Flüchtlinge; sie blieben bis 1945 interniert.
Die Bilder von Mayer, der als Kindergärtner, Tischler, Maler sein Auskommen fand, erinnern an Chagall, späte Gemälde wie „Mann mit Vogelkopf“ oder „Gebärende und der Tod“ haben etwas Bedrohliches. Immer wieder auch Selbstporträts und Masken; „Ich und mein Schatten“ heißt eines dieser düsteren Werke. Er male Träume, sagte der greise Künstler zur Erklärung.
Ablenkung von der Verzweiflung
Leicht, ironisch wirken hingegen die Skizzenbücher Haendels. Er macht sich lustig über den bärbeißigen griechischen Kapitän, über die vielen spontanen Hochzeiten, die harten Aufseher. Eine treffliche Cartoon-Satire handelt von „Motke Blitz“, dessen Komik aus seiner Schwerfälligkeit und Habgier entsteht. Das Puppenspiel lenkt am besten von der Verzweiflung ab. Ende 1943 schreibt Haendel seinem Bruder, dass er seit einem halben Jahr fast nicht mehr zeichne: „Das bringt am besten zum Ausdruck, in welcher psychischen Verfassung ich bin.“
Bis 31. Juli, 1020 Handelskai 265/Reichsbrücke, Mo. - Fr. 9 -19 h. Freier Eintritt, Führungen 4 bzw. 2 €. info@millisegal.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2008)