Büchner-Preis: Der Prosaiker mit dem Hackbeil

(c) AP (Gert Eggenberger)
  • Drucken

"Obsessive Dringlichkeit" - Josef Winkler ist der wahrscheinlich härteste lebende Dichter Kärntens. Nun erhält er die renommierteste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur.

Es ist ein wildes Land, an dem Ingeborg Bachmann litt, an dem Peter Handke leidet, und vor allem auch Josef Winkler, der wahrscheinlich härteste lebende Dichter, den Kärnten in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat, der aber auch sensibel wie kein anderer seine karge Kindheit und Jugend beschrieb. Sein anhaltender Widerstand gegen die Heimat, das Erzkatholische und andere finstere Vaterfiguren, der sich in einem Dutzend Prosawerken, Romanen, Novellen, Erzählungen und Essays niederschlug, wurde am Dienstag mit dem Büchnerpreis 2008 belohnt, der mit 40.000 Euro dotiert ist: „Josef Winkler hat auf die Katastrophen seiner katholischen Dorfkindheit mit Büchern reagiert, deren obsessive Dringlichkeit einzigartig ist“, begründete die Jury ihre Wahl.

Winkler gibt sich bescheiden. Er habe nie für ein Massenpublikum geschrieben, sagte er in einer ersten Reaktion. Es sei eine Krönung, mit bisherigen Preisträgern wie Jelinek, Artmann oder Mayröcker in einer Reihe zu stehen. Seine Maxime: „Speziell bei den letzten Büchern habe ich jeden Satz hinterfragt. Nur keine leeren Phrasen!“ Im Herbst 2008 wird bei Suhrkamp sein neues Buch erscheinen, Geschichten: „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“.

Der 55-Jährige hat schon viele Auszeichnungen erhalten, bereits 1979, als das exzessive, unbändige Romandebüt „Menschenkind“ erschien, gab es den Verlegerpreis beim Bachmann-Wettlesen, aber kaum eine Ehrung passt so zu ihm wie die nach dem rebellischen Georg Büchner genannte. Von ihm unterscheidet Winkler nur, dass der Kärntner Bauernsohn (aus dem Weiler Kamering nahe Paternion im oberen Drautal) die frühen Jahre überlebt hat; streng katholisches Elternhaus, sechs Geschwister, acht Jahre Volksschule, Handelsschule, zweiter Bildungsweg, heißt es in der Biografie.

Eine wütende Vaterfigur

Das Zürnen hat diesen Dichter fit gehalten, der sich bald für den Außenseiter Jean Genet interessierte (1992 veröffentlichte er einen Essay über den französischen Autor), gegen den Zorn halfen keine ausgiebigen Fluchten von Klagenfurt nach Rom oder Indien, er schien niemals erwachsen zu werden, Eros und Thanatos toben in seinen Schriften in kühnen Formen, denen aber genaue Beobachtungen zu Grunde liegen. Ohne Notizbuch und Füllfeder kann man sich Winkler kaum vorstellen. Was aber hält er fest? Den Lauf der Welt. So viel Verfall und Tod ist fast nirgends, Elfriede Jelinek oder Thomas Bernhard sind in diesem Feld in der Ironie überlegen, aber bei Winkler herrscht der ernsteste Tod, man muss ihn sich als eine grauenhafte Vaterfigur vorstellen, etwa so wie den Bauern in der Widmung für den Roman „Friedhof der bitteren Orangen“ (1990): Für den 14jährigen Pino Lo Scrudato, der im Juni 1988 in Caltanissetta, in Sizilien, von seinem Vater mit einem Hackbeil erschlagen wurde, als er, anstatt auf die zehn Kühe aufzupassen, in ihrem abgelegenen Bauernhaus, in dem es weder Strom noch Fließwasser gab, einen Fernsehapparat an die Traktorbatterie anschloss und sich das Fußballspiel Italien gegen Irland ansah. Und für Papst Johannes XXIII.

Hartleibige Männer, bittere Armut, verfolgte Homosexualität, tote Kinder – das sind die Stoffe, aus denen Winklers Alpträume bestehen, er schafft eine Gegenheimat, die man auch in Inszenierungen von Landsmann Martin Kusej zu erkennen glaubt. Dunkles beschreibt das Dunkle, dadurch leuchtet die sparsam verwendete Schönheit, die ländliche Lebenslust, in umso kräftigeren Farben. Dominant aber sind die schwarzen Konturen. Im Prolog zu „Menschenkind“ hängen sich zwei Lehrlinge gemeinsam an einen Kälberstrick, ihre Hände drehten sich zu einem Zopf, wirbeln wieder auseinander und kamen vor ihren blutunterlaufenen Augen zu stehen.

Gott, Wahrsager und Sprichwörter

Am Ende des Romans fragt der Erzähler, ob der Tod nur eine Frage der Formulierungskunst sei. Habe ich ihn mir vom Leib geschrieben? Nein, denn er ist ein Meister aus Kärnten, und Winkler wurde ihn nicht los. Er beherrscht die 1979 begonnene Trilogie „Das Wilde Kärnten“. Wer wird das Sterben der Großmutter in „Der Ackermann aus Kärnten“ (1980) vergessen, die alten Rituale? Das Leben im Dorf war human, wenn der Dorföffentlichkeit ein Toter präsentiert werden konnte, wurde kein Tier geschlagen, kein Mensch gezüchtigt... Die Dorfleute glauben an Gott, an Wahrsager und Sprichwörter.

Auch Winklers bisher letzter Roman ist ein Buch vom Sterben, ein Abschied: „Roppongi. Requiem für einen Vater“ (2007) hat jedoch auch abgeklärte Züge, wirkt wie eine Befreiung von all dem Vergangenen, von Ministrantenleid, Misthaufenduft und Rattenplagen, wenn schon nicht wie eine Versöhnung. Das scheint auch angebracht für einen würdigen, hoch geehrten Universitätslektor, der mit seiner Frau und seinen zwei Kindern friedlich in Klagenfurt lebt. Von der Jury wurde neben „Der Leibeigene“ (1987) auch besonders die späte Novelle „Natura Morta“ (2001) hervorgehoben.

Der Mensch in der Revolte aber sollte darüber nicht vergessen werden. Es ist zu hoffen, dass die derzeit vergriffene Erstlings-Trilogie, die 1982 mit „Muttersprache“ abgeschlossen wurde, von Suhrkamp wieder neu aufgelegt wird oder vielleicht sogar eine Werkausgabe kommt. Das hätte sich der Josef Winkler aus Kamering wirklich verdient.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.