Wolfgang Anzengruber legte eine steile Karriere hin. Mit politischer Einflussnahme hatte er schon seine Not.
wien.In Bergheim bei Salzburg dürfte am gestrigen Dienstag nicht nur das Ausscheiden Österreichs bei der Fußball-EM für lange Gesichter gesorgt haben. In der Zentrale des Kranherstellers Palfinger wird auch die Nachricht über den „Verlust“ ihres Chefs nicht gerade für Freude gesorgt haben. Denn unter Wolfgang Anzengruber hat Palfinger in den vergangenen fünf Jahren ein Rekordjahr nach dem anderen hingelegt, wodurch auch die Aktie zeitweise ein wahres Kursfeuerwerk erlebte.
Diese Erfolgsgeschichte soll er nach Wunsch von Wirtschaftsminister Martin Bartenstein (ÖVP) bei seinem neuen Job – dem Chefposten des Stromkonzerns Verbund – fortsetzen.
Spitze der Karriereleiter
Für Anzengruber ist der Posten des Verbund-Generaldirektors die bislang höchste Stufe auf einer steilen Karriereleiter. Der 1956 im oberösterreichischen Steyr als Sohn eines Steyrwerke-Arbeiters und einer Hausfrau geborene Anzengruber gab im Berufsleben sofort nach Abschluss seines Maschinenbau/BWL-Studiums an der TU Wien Gas. Nach dem Verdienen erster Sporen bei Simmering Graz Pauker holte ihn der damalige Generaldirektor von ABB Austria, Klaus Woltron, zum Anlagenbauer. Dort machte Anzengruber erste Kontakte mit der E-Wirtschaft, die er mit seinem Wechsel zum Landesversorger Salzburg AG rund um die Jahrtausendwende intensivierte. Seit 2003 leitete er den börsenotierten Kranhersteller Palfinger – unter seiner Ägide hat sich der Umsatz verdoppelt und der Unternehmenswert verfünffacht. Ein Kunststück, das ihm beim Verbund wohl kaum gelingen wird.
Auf seinem Weg nach oben hinterließ Anzengruber auch nirgendwo sichtbare Spuren von verbrannter Erde. Lediglich bei der Salzburg AG lief zuletzt nicht alles so, wie er es sich vorstellte. Er habe die politischen Widerstände im landeseigenen Versorger krass unterschätzt, hieß es.
Wenn etwas gegen die Bestellung Anzengrubers zum neuen Verbund-Chef spricht, dann ist es seine Zeit bei der Salzburg AG. Denn beim Verbund wird er es vermutlich ebenfalls mit „politischen Widerständen“ zu tun bekommen. Und diese könnten unvergleichlich heftiger ausfallen als einst in der Salzburg AG. Die Gretchenfrage wird also lauten: Wie hält er es mit der Politik?
Anzengruber gilt als ÖVP-nahe. Er ist Mitglied des Cartellverbandes (CV). Er wird als bodenständiger Typ beschrieben, der auch bei den „einfachen Hacklern“ gut ankommt und Mitarbeiter motivieren kann. In Besprechungen werde „viel gelacht“.
Anzengruber verlangt von seinen Mitarbeitern viel. Mehr verlangt er von Führungskräften: „Ein Chef soll sich mehr um Arbeits- als um Golfplätze kümmern.“ Das Wochenende gehöre der Familie, so der mit einer Dolmetscherin verheiratete Vater dreier Töchter.
„Bin nicht der Sportlichste“
Er sucht die Entspannung nicht beim Marathon oder am Golfplatz. „Ich bin nicht der Sportlichste“, gesteht Anzengruber ein. Dafür sitzt der starke Raucher gerne im Kaffeehaus und studiert die Zeitungen. In den Salzburger Traditionscafés ist er Stammgast. Angesichts dieser Leidenschaft ist der bevorstehende Umzug nach Wien für Anzengruber wohl auch nicht gerade ein Nachteil.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2008)