Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Vegetation aus? Wiener Ökologen erforschen das im Rahmen des „Polarjahres“ in Zackenberg.
Hoch droben im Nordosten Grönlands schneidet sich ein „Tyroler Fjord“ (mit „y“, Herzmanovsky-Orlando hätte seine Freude!) ins Land, an seinem Ende liegt ein „Pasterzegletscher“. Die austrophilen Namen gehen wie auch die „Payerspitze“ auf Julius Payer zurück, der 1872 bis 1874 mit Carl Weyprecht (siehe oben) die große österreichisch-ungarische Nordpolexpedition leitete.
Noch bevor Payer im nördlichen Eismeer das Rönnebeck-Land fand und als patriotischer Offizier, der er auch war, in Franz-Joseph-Land umbenannte, war er in Grönland: in der Zackenberg-Region, die heute im größten Nationalpark der Welt liegt, dem Northeast Greenland National Park, mit einer Fläche von 972.000 Quadratkilometer.
In Zackenberg stehen neun Holzhäuser, die zu einer Forschungsstation gehören, die von der dänischen Regierung betrieben wird. Dort wird Karl Reiter, Ökologe am Department für Naturschutzbiologie der Uni Wien, einen Teil seines Sommers verbringen – für ein von den Österreichern verwaltetes internationales Projekt namens „Gloria“: In 50 ausgesuchten Regionen (in den Alpen, im Ural, aber auch in Südamerika und China) werden die Auswirkungen des Klimawandels auf die Vegetation von Hochgebirgsgipfeln (der sogenannten „Nivalstufe“) erforscht. „Eigentlich hatten wir ja ein Projekt fürs Franz-Joseph-Land eingereicht“, erklärt Reiter: „Doch dann hat uns Russland die Genehmigung verweigert.“
Jeden Dienstag kommt das Flugzeug
Also auf nach Zackenberg, wo einmal pro Woche ein Expeditionsflugzeug der Type „Twin Otter“ ankommt, mit Essen – und Forschern: „Jeden Dienstag ist Wechsel; man bleibt ein, zwei oder drei Wochen“, erklärt Reiter. Und wie sieht es dort aus? „Auf den ersten Blick wie in einem alpinen Hochgebirgstal auf zirka 2700 Meter Seehöhe.“ Moore, Wiesen (dominiert vom Alpen-Fuchsschwanz), Bergstrauchheiden – all das auf ca. 50 Meter Seehöhe. Auf den hohen Bergen, bis zu 1400 Meter, wächst nichts mehr.
Das Artenspektrum der Pflanzen unterscheidet sich freilich von dem der Alpen. Erst recht die Tiere: Die Moschusochsen, zwar den Schafen verwandt, aber bis zu 1,80 Meter hoch, haben „schon ein sehr bedrohliches Auftreten“, erzählt Reiter: „Man sollte dort nur bewaffnet gehen. Eisbären wurden aber schon lange keine gesichtet.“
Welche Ergebnisse erwartet man? „Schön wäre es, wenn wir keine hätten, wenn wir also keine Auswirkungen des Klimawandels feststellen könnten“, meint Reiter: „Aber wir wissen aus den Alpen, dass der Artenreichtum erst kurzfristig zunimmt, weil Arten aus tieferen Lagen nach oben drängen. Die dort angestammten Arten werden dann noch weiter hinauf verdrängt. Das Problem ist nur: Irgendwann ist der Gipfel erreicht, es bleibt nur der Himmel. So ist langfristig mit einer Abnahme der Artenzahl zu rechnen.“
Ergebnisse des „Monitoring“ sind nicht gleich zu erwarten: „Wir arbeiten in Dimensionen von Jahrzehnten. Wir hoffen auf weitere Stationen: für räumliche Vergleiche innerhalb von Grönland. Die Dänen haben da Interesse daran.“ Wobei es in so einem Nationalpark „ziemlich streng“ zugeht: „Letztes Jahr wollten wir nur ein Temperaturmessgerät von der Größe einer Münze im Boden vergraben. Das durften wir erst nach Genehmigung durch die Regierung.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2008)