Pop

Giorgio Moroder: „Ich kenn' mich da nicht mehr aus“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
  • Drucken

Der Disco-Erfinder und Olympia-Komponist über Erfolgsrezepte und Rätselfragen.

Da bin ich neutral“, sagt er, vor dem Match Österreich : Deutschland, das er Montag Abend besuchte, auf seine Präferenzen angesprochen. Die Augen beginnen erst zu leuchten, wenn er im Nachsatz meint: „Dienstag wird es spannend, denn wenn Rumänien gegen Holland gewinnt, dann sind Franzosen und Italiener beide draußen, egal, wie sie spielen.“ Das Herz des Südtirolers schlägt für Italien, kein Zweifel.

Der Sport spielt im Leben Giorgio Moroders keine geringe Rolle. Immerhin verhalf er Großereignissen wie den Olympischen Spielen von 1984 und 1988 zu klingenden Wahrzeichen – und auch heuer schrieb er einen Olympia-Song, wenn auch diesmal die Umstände so einfach nicht sind. Was in China genau passieren wird, wie viele „offizielle“ und „inoffizielle“ Kompositionen es geben wird und welche davon die „Nummer eins“ sein soll, das wollen die chinesischen Behörden erst entscheiden.

Den Fachmann wundert das nicht. Mit China hat Moroder schon Erfahrungen gesammelt. Zur „Vorbereitung“ seines dritten olympischen Kompositions-Auftrags waren bereits mehrere Reisen – und Probekompositionen – zu absolvieren. Bei den Chinesen ortet er übrigens in den vergangenen Wochen ein Umdenken: Seit der verheerenden Erdbeben-Serie scheinen harte Fronten ein wenig aufgeweicht, nicht nur in der ehemals westlich dominierten Metropole Hongkong, wo, wie er anmerkt, die chinesische Pop-Kultur wirklich „zu Hause“ ist. „In Hongkong und in Taiwan“ gewinne man den Eindruck, dass „chinesischer Pop wie der amerikanische Pop“ funktioniere. Unter dem Pop-Siegel seien wirklich alle Menschen gleich.

Pop-Phönix aus dem Grödnertal

Abseits von Olympia, bei Fußballmatches, ist die Chance, dass Moroder mit seiner eigenen Musik konfrontiert wird, immer dann groß, wenn, wie gestern Abend, Italien im Spiel ist. Immerhin sang Gianna Nannini seinen Song für die Weltmeisterschaft von 1990. Und wie mancher von Moroders Hits ist auch dieser nicht mehr aus dem Musikleben verschwunden. Auf Ohrwürmer ist der Bergbauernspross aus dem Grödnertal spezialisiert. Das ward ihm an der Wiege nicht gesungen: „Angefangen hab ich mit der Gitarre, wie alle meine Geschwister, die aber besser gespielt haben als ich. Nur bin ich dann zweieinhalb Monate in ein Internat in Rovereto gefahren und habe mir auf dem Weg dorthin ein Büchlein über das Gitarrespiel gekauft. Da hab ich nachgelesen, was man alles machen kann. Als ich zurückgekommen bin, hab' ich alle die neuen Techniken, die ich mir da angeeignet hatte, daheim präsentiert.“ Daraufhin gaben die Geschwister das Gitarrespielen auf – und der talentierte Bruder zog musizierend durch die Lande, bis nach Paris – „als Bassist, weil ich auf der Gitarre nicht gut genug war“.

„Die Tingelei ging so sechs, sieben Jahre. Ein bisschen hab ich auch mitkomponiert, aber nie etwas damit erreicht. Dann hab ich in einem Nachtclub drei Siebzigjährigen zugeschaut, wie sie da ihre Musik gemacht haben. Da hieß es für mich: Wenn du jetzt nicht aufhörst, endest du genau so! Ich hab Geld gespart, um mich ganz dem Komponieren zuzuwenden.“ Als Ricky Shayne 1967 Moroders „Ich sprenge alle Ketten“ sang, wurde die Hitparade Moroders bevorzugte Adresse.

„Mir fehlt die klassische Basis“

Sein Münchner Studio „Music-Land“ wurde zu einer der Geburtsstätten des Disco-Sound. Und mit Donna Summers „Love To Love You Baby“ waren die US-Charts gestürmt. Der Film folgte – was damals, so erinnert sich Moroder, keine Selbstverständlichkeit war: „Im Gegenteil“, sagt er, „das war hermetisch abgeriegelt. Ich hatte das Glück, dass Alan Parker meine elektronischen Klänge liebte und sie für ,Midnight Express‘ ausdrücklich haben wollte.“

Das bescherte Moroder den Golden Globe und den ersten Oscar. „Mit der Filmmusik“, sagt er, „ist es jetzt wieder schwierig geworden. Mit John Williams ist das große Orchester wieder eingezogen, 80, 90 Musiker führen enorm lange Partituren auf – ich schätze, bei neueren Filmen sind bis zu 80 Prozent der Gesamtlänge mit Filmmusik unterlegt. So etwas kann ich nicht, dazu fehlt mir die klassische Basis.“

Während er sich damit abfindet, schaut er irritiert auf die Emanationen der Pop-Branche: „Ich kenn' mich da nicht mehr so aus“, meint er, „die Welt hat sich verändert. Zu meiner Zeit hat man eine Platte produziert. Die wurde dann im Radio gespielt und man hat zum Beispiel auf dem deutschen Markt auf Anhieb 30.000 Exemplare verkauft. Das funktioniert nicht mehr; nicht nur wegen des Internets. Sie brauchen drei bis vier Millionen Dollar Budget, um jemanden zu lancieren. Am meisten bedaure ich, dass sie die Videos erfunden haben. Jetzt ist es auch für die Interpreten, vor allem für die Sängerinnen schwer geworden. Die müssen nicht nur singen können, die müssen auch noch unglaublich gut ausschauen . . .“

GioRgio Moroders Bilanz.

Mit „Ich sprenge alle Ketten“, gesungen von Ricky Shayne, hat 1967 alles begonnen. Moroder selbst stürmte als Komponist und Interpret im selben Jahr mit „Looky Looky“ die deutschen Hitparaden.

„Son Of May Father“ hieß Moroders nächstes Erfolgs-Album (1972). Es folgten Schlager für Interpreten wie Mary Roos und Michael Holm.

Donna Summer wurde mit Moroders zur Disco-Königin. Mit ihr produzierte er auch das fantastische Album „Bad Girls“ (1979).

Für den Film schrieb Moroder u.a. „What A Feeling“ und „Take My Breath Away“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2008)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.