Keine Entblößung in der Fanzone

Man wird in einer Fanzone viele Fahnen und Wimpel sehen, aber keine nackten Brüste.

Nicht vor einem Arzt, sondern vor den „Ärzten“, einer deutschen Rockband mit Hang zur Spaßhaftigkeit, haben etliche Frauen am letzten Freitag beim „Nova-Rock“-Festival bei Nickelsdorf ihre Brüste entblößt. Sie wurden dafür, wie die Austria Presse Agentur berichtete, von den Musikern ausdrücklich gelobt.

Im Feuilleton dieser Zeitung hat dieses Vorkommnis ein kleines morgendliches Spontansymposion provoziert: Wieso tun Frauen das? Zu welchen Anlässen? Gibt es Vorbilder? Die Älteren unter uns konnten sich noch an Theodor W. Adorno erinnern, den das sogenannte „Busenattentat“ im Hörsaal zu Frankfurt eher entsetzte, der fast reagierte wie Frauen auf die Zumutung eines Exhibitionisten. Aber auch an den Falkland-Krieg, zu dessen Beginn die britischen Boulevardblätter das Bild einer Soldatenfrau brachten, die als Aufmunterung für ihren abdampfenden Ehemann mediengerecht den Busen freilegte.

Es war am Ressortchef – von dem man ja nicht zu Unrecht sagt, dass der große Brockhaus beim Norbert Mayer nachfragt, wenn ihm etwas entfallen ist –, der Debatte historische Tiefe zu verleihen, indem er den Tacitus zitierte: „Schon manche wankende und sich auflösende Schlachtreihe wurde, wie es heißt, von den Frauen wieder zum Stehen gebracht: durch beharrliches Flehen, durch Entgegenhalten der entblößten Brust und den Hinweis auf die nahe Gefangenschaft, die den Germanen um ihrer Frauen willen weit unerträglicher und schrecklicher dünkt.“

Soviel zu den alten Germanen. Aktueller ist die Frage: Kommen solche Entblößungen zum Zweck der Aufmunterung und/oder des Jubels auch beim Fußballsport – der ja oft als harmloses Substitut für Krieg erklärt wird – vor? Bei der WM 2006 ja, und zwar auf Seiten Englands, sagen Experten. Heuer sei ihnen dergleichen noch nicht zu Augen gekommen. Luftige Bekleidung bei beiden Geschlechtern, das ja, auch teilweise und gänzliche Entblößung der Brust bei Männern, aber nur im Zuge der allgemeinen, durch Hitze, Begeisterung und Alkohol katalysierten Enthemmung, ganz offensichtlich nicht mit Signalcharakter.


Denn wie das Zeigen des Hinterns, nur mit ganz anderer Bedeutung, ist das Entblößen der Brüste ja ein Signal. Das auch der direkten Empfänger bedarf, in diesem Fall der zu Bejubelnden oder Anzufeuernden. So wird man in einer Fanzone viele Flaggen und Wimpel, Schärpen und Transparente sehen, aber keine bloßen Brüste (außer zufällig oder in einem anderen Kontext).

Das illustriert das Tragische und Komische an einer Fanzone: Sie bündelt den Jubel, erzeugt eine Jubelmasse, die aber sinnlos bleibt, weil die zu Bejubelnden nur auf der Leinwand anwesend sind, weil die Jubelnden unter sich sind. Die Anfeuerungsrufe verhallen wie die Parolen einer Demonstration, die von den Sicherheitskräften in den Wald verlegt wurde.

Am Ende, nach dem Match, wenn die Müllmänner ihres Amtes walten, bleibt ein schales Gefühl, so schal wie all das verschüttete Bier: Man war live dabei und doch nicht live dabei. Man hat auf den Bildschirm gestarrt, und keiner hat zurückgestarrt. Die Sieger feiern, die Verlierer weinen anderswo. Immerhin hat sich niemand entblößt. So muss sich wenigstens niemand wirklich schämen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2008)

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