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Dänemark: Selbstmord-„Epidemie“ in grönländischem Dorf

(c) AP (John McConnico)
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Die Suizidrate der Insel ist erschütternd hoch. Der Politik wird vorgeworfen, soziale Probleme zu ignorieren.

Kopenhagen. Vor zwei Wochen rief ein 16-Jähriger im grönländischen Städtchen Tasiilaq seine Schwester an und sagte ihr, dass er nicht mehr leben wolle. Dann nahm er sein Gewehr und erschoss sich.

Seither haben in dem Nest an Grönlands Ostküste, das bei der letzten Zählung 1895 Einwohner hatte, 15 Jugendliche versucht, sich umzubringen. Eine Selbstmordwelle, die Polizeichef Kristian Sinngertaat „Epidemie“ nennt, erschüttert die Menschen auf der Insel, doch Hilfe gibt es nicht.

„Wir können sie nur zum Arzt bringen, der ihnen eine Spritze verpasst, sodass sie sich ausschlafen können. Und die, die sich nicht beruhigen, setzen wir in die Ausnüchterungszelle“, schildert Sinngertaat der Zeitung „Politiken“ den Umgang mit den Selbstmordkandidaten. Denn Psychologin gibt es in Tasiilaq nur eine, und die ist seit langem krank geschrieben.

Grönlands Selbstmordrate ist erschütternd. 58 Menschen haben sich 2006 das Leben genommen – das ist eine Rate von mehr als einem Suizid pro tausend Einwohner. Nur weil Grönland nicht selbstständig ist, sondern zu Dänemark gehört, scheint diese Zahl nicht als einsamer Weltrekord in den Statistiken auf. Zum Vergleich: In Dänemark liegt die Rate bei zwölf per 100.000 Einwohner, in Deutschland bei 14, in Litauen, das Europas höchsten Wert ausweist, sind es 44. In Grönland mehr als 100.


„Überall gibt es Waffen“

In einzelnen Gruppen ist der Anteil noch weit höher. Junge Mädchen haben eine 40mal höhere Freitodrate als gleichaltrige Däninnen, sagt die Journalistin Marianne Krogh-Andersen. Eine im Vorjahr von der Selbstverwaltungsbehörde durchgeführte Untersuchung zeigte, dass jeder fünfte 15- bis 17-Jährige einen Selbstmordversuch hinter sich hat; in den von der Umwelt abgeschiedenen Siedlungen an der Ostküste ist das Problem noch krasser. Dort hat jeder zweite Junge versucht, sich umzubringen.

Während anderswo Selbstmordversuche oft Hilferufe sind, die nicht zum Tod führen sollen, gehen in Grönland viele konsequenter zu Werk. „Sie haben keine Pillen, aber überall gibt es Waffen, weil viele Jäger sind“, sagt Krogh-Andersen. „Viele junge Menschen sind vereinsamt und können über ihre Probleme nicht sprechen“, sagt die Selbstmordforscherin Lilian Zøllner. Und die Eltern seien nicht imstande, ihren Kindern andere Auswege zu zeigen.

„Es ist verantwortungslos, keinen Psychologen zu haben“, sagt Chefarzt Flemming Stenz, „aber was sollen wir tun? Im grönländischen Alltag muss man mit dem Werkzeug schmieden, das man zur Hand hat.“ Einen Spezialisten aus der Nachbarschaft zu schicken, ist nicht so einfach. Um aus der Hauptstadt Nuuk nach Tasiilaq – den größten Ort der Ostküste – zu kommen, muss man mit dem Hubschrauber 500 Kilometer quer übers Inlandeis fliegen. „Nicht nur dort fehlen uns die Spezialisten“, sagt Arkalo Abelsen, der für das Gesundheitswesen verantwortliche Politiker, und hofft, dass man mit einem Verkaufsverbot für Alkohol verhindern kann, dass sich die „Epidemie“ weiter ausbreitet.


Kümmerliche Verhältnisse

„Ich bin seit 28 Jahren Polizist, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt Kristian Sinngertaat und klagt die Politiker an, die schweren sozialen Probleme in Ostgrönland zu übersehen. „Die Jugendlichen haben nichts zu tun, wohnen unter kümmerlichen Verhältnissen bei ihren Familien, saufen sich um den Verstand und bringen sich um“, sagt er bitter.

Die ständigen Tragödien in einem Ort, in dem jeder jeden kennt, sind eine derartige Belastung auch für die Polizei, dass mehrere Beamte die ohnedies ständig unterbemannte Truppe verlassen haben. Jetzt verspricht Abelsen „außergewöhnliche Maßnahmen“ zur Lösung der Krise.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2008)