Ausstellung im MAK. Wie viele Striche braucht ein Gesicht, um hintergründig zu lächeln?
Wie viele Pixels braucht eine Stadt, um urban auszusehen? Wie viele Vektoren braucht das moving picture einer gehenden Frau, um sexy zu wirken? Die Kunst des 1958 in London geborenen Julian Opie folgt einer Extremwertaufgabe: Minimiere den Aufwand bei konstantem Ausdruck! Man braucht keine Wimpern, keine Brauen. Ein Kreis genügt. Punkt, Punkt, Strich, Strich; und für die Ganzkörperdarstellungen reicht überhaupt ein leeres rundes Mondgesicht. Angewandte Kunst im besten Sinn (und daher im MAK bestens aufgehoben): Werbegrafiker können von Opie mehr lernen als aus teuren Kursen.
Die Sängerin, der Tänzer, der Rockstar
Es ist zugleich Kunst, die auf schlichte und ergreifende Weise darauf weist, was wir als schön und/oder anziehend empfinden. Und wieso wir es als schön empfinden. Viel vom ästhetischen Erlebnis à la Opie beruht wohl auf der Befriedigung, die entsteht, wenn man unbewusst besondere Züge aus dem individuellen Gedächtnis in die allgemeinen Züge fügt. Oder aus dem erleichterten Seufzen des Hirns, wenn der Bildermacher ihm eine Arbeit abnimmt, die Abstraktion? – Wenn man von einem Bild immer mehr weglässt, nähert man sich dem Symbol, dem reinen Zeichen. Wenn man rechtzeitig aufhört, erhält man einen paradoxen Grenzwert: ein Symbol für ein Individuum. Keine Karikatur, etwas viel Feineres. Das ist Opie mit seinem berühmten Porträt der Band „Blur“ gelungen. Und das gelingt ihm auch mit Bildern von „Aniela, Singer“, „Bruce, Dancer“ oder „Bryan, Rockstar“: Die kennt man nicht, aber man könnte sie kennen. Im Gegensatz zu Andy Warhols vervielfältigten Stars fehlt ihnen der Glamour, das Image. Sie passen zum Pop der Nullerjahre wie Warhols Porträts zum Pop der Siebziger.
Ein wenig opulenter, aber genauso faszinierend sind die Bilder Opies, die sich in kleinen Details bewegen: Die Maria Teresa mit dem roten Schal etwa, die einem zuzwinkert, während hinter ihr die Wolken wandern. Oder seine Tänzerinnen.
Besonders zauberhaft sind die japanischen „Views“, glitzernd, wogend, wartend: ideale Landschaften, entkleidet aller Beiläufigkeiten. Wenn man diesen Mann überreden könnte, das Salzkammergut oder die Wachau so zu malen – Österreichs Tourismus wäre auf Jahrzehnte gerettet.
MAK, Wien1, Eingang Weiskirchnerstraße 3, bis 21.September.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2008)