Sportwetten boomen angesichts der Euro 08. Nur die Briten und die Finnen setzen noch mehr Geld als die spielfreudigen Österreicher. Gewinner sind die Buchmacher.
Wien. „Buchmacher sind keine Spieler“, sagt Mario Kristofic. Er sollte es wissen. Denn Kristofic ist Head-Bookmaker beim heimischen Online-Wettanbieter Bwin. Die Aufgabe eines Bookies – wie Buchmacher in der Branche genannt werden – sei vielmehr, das Risiko über den Ausgang von sportlichen Wettkämpfen auszugleichen. Denn nur so könne man trotz aller Unsicherheiten im Sport sicherstellen, dass für den Wettanbieter schlussendlich immer eine Gewinnmarge übrig bleibt.
Buchmacherei ist ein professionelles Gewerbe. Denn Wetten ist ein Milliardengeschäft. Knapp fünf Milliarden Euro setzen die Österreicher pro Jahr bei Wetten ein. Nicht ganz zehn Prozent davon bleiben bei den Wettanbietern. Die Österreicher sind im internationalen Vergleich eher wettfreudig. Nur die Briten und Finnen setzen pro Kopf gerechnet noch mehr Geld ein. Vor allem durch Online-Wettanbieter erlebt das Wettgeschäft in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom.
Durch das Wetten im Internet ist es nicht nur wesentlich einfacher geworden, seine Tipps abzugeben. Auch die Zahl der möglichen Wetten hat sich massiv gesteigert. So kann inzwischen auf die Zahl der Eckbälle in der ersten Halbzeit oder welcher Torhüter als letzter den Ball berührt gewettet werden. „Wir haben angefangen, das Spiel richtig zu zerlegen“, meint Kristofic. Bwin bietet neben der klassischen Drei-Wege-Wette (Team 1, Team 2 oder unentschieden) rund 400 weitere Wetten pro Spiel an. „Rund 60 Prozent der Wetteinsätze fallen aber immer noch auf die Drei-Wege-Wette.“
Quote soll animieren
Wie kommt der Bookie aber nun zu seinen Quoten? „Wichtig ist das Wissen über die teilnehmenden Spieler, die Statistiken, die gegenwärtige Form der Teams und die Aufstellung. Und natürlich die Erfahrung des Bookies.“ Aus diesen Zutaten bastelt der Buchmacher seine Quoten. Sie sollen einerseits hoch genug sein, um zum Wetten zu animieren. Andererseits sollen sie ein „ausgeglichenes Buch“ ermöglichen. Unter einem ausgeglichenen Buch versteht man, wenn die Summe der ausgeschütteten Wettgewinne gleich hoch ist – egal wie das Spiel ausgeht. Die Zielvorgabe bei Bwin ist, dass die eingenommenen Wetteinsätze um acht Prozent über den Gewinnausschüttungen liegen.
Über die abgegebenen Wetten erhält der Buchmacher eine Rückmeldung der Kunden. Setzen beispielsweise zu viele auf den Favoriten, kann er steuernd eingreifen und dessen Quote senken sowie gleichzeitig die des Außenseiters erhöhen. Dadurch sollten wieder mehr auf den Außenseiter setzen und das Risiko für den Anbieter ausgeglichen bleiben. „Die Quoten für jene Wetten, die vor der Änderung abgeschlossen wurden bleiben dabei natürlich gleich“, sagt Kristofic.
Besonders wichtig sind Quotenänderungen bei sogenannten Live-Wetten. Bei diesen können auch während des Spiels noch Tipps abgegeben werden. Je nach Spielverlauf werden die Quoten angepasst. „Die Quote der Drei-Wege-Wette kann sich da in 90 Minuten schon bis zu 20mal ändern“, sagt Kristofic. So war Tschechien in der Vorrundenbegegnung mit der Türkei von Anfang an Favorit – mit einer niedrigeren Quote. Nach der 2:0 Führung lag die Quote der Tschechen aber sogar nur noch bei 1,03, jene der Türken bei rund 40. „Wer in diesen paar Minuten auf die Türken gesetzt hat, konnte einen schönen Gewinn erzielen.“ Durch den Anschlusstreffer und die zwei weiteren Tore der Türken flogen die Tschechen nicht nur aus der Europameisterschaft, auch die Quoten der Türken fielen wieder.
Drei Buchmacher betreuen pro Spiel die Quoten der rund 200 Live-Wetten. „Da ist man schon ziemlich im Stress“, sagt Kristofic. Bei Bedarf kann der Bookie Wetten kurz sperren. So soll beispielsweise verhindert werden, dass jemand auf ein Tor wettet, während gerade ein Tor geschossen wird.
In 80 Prozent aller angebotenen Wetten steigt Bwin mit einem Plus aus. Ein Mitgrund dafür dürfte sein, dass bei manchen Wettabgaben Hoffnung die treibende Feder ist. So wurde laut Bwin-Konkurrent Tipp3 bislang am stärksten die sogenannte Cordoba-Wette getippt – ein 3:2 Sieg von Österreich gegen Deutschland.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2008)