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Kein Meerdüngen zum Klimaschutz

(c) Reuters
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UNO-Organisation verhängt "de-facto-Moratorium" gegen "Geo-Engineering" und dämpft damit Pläne, in die Balance des Meeres einzugreifen. "Gedopte" Algen hätten CO2 abbauen sollen.

„Gebt mir einen Tanker voll Eisen - und ich gebe euch eine neue Eiszeit!“ Das versprach in den 80er-Jahren der US-Ozeanograf John Martin, es war US-üblich übertrieben, hatte aber einen Kern: In vielen Meeresregionen, vor allem im Süden, gedeiht heute wenig. Das war einmal anders, in den Eiszeiten blühte das Leben, weil viel Erosionsmaterial – vor allem Eisen – von den Kontinenten in die Meere geweht wurde. Für Algen ist Eisen Nahrung, sie gediehen und holten sich ihren zweiten Nährstoff aus der Luft, CO2, das Treibhausgas. Den Kohlenstoff nehmen sie mit in die Tiefe, wenn sie gestorben sind.

Lange blieb Martins „Eisen-Hypothese“ umstritten, seit 1993 wird sie experimentell geprüft, viele Forschungsschiffe waren schon unterwegs und haben Meeresregionen gedüngt. Die Ergebnisse sind wenig aussagekräftig (Science, 315, S.612), aber etliche Firmen witterten Kyoto-Luft – der Klimaschutz-Vertrag sieht vor, dass Geld bekommt, wer CO2aus der Luft schafft –, GreenSea Venture etwa versprach 2002 das Versenken des gesamten CO2-Ausstoßes der USA durch das Eisendüngen einer Ozeanfläche in der Größe Österreichs.


Sonnencreme für Planeten Erde

Damit kam man bald in Konkurrenz mit anderen Plänemachern, die „Geo-Engineering“ betreiben, d.h. die ganze Erde großtechnisch umbauen wollen, um den Klimawandel abzuwenden. Manche wollen dazu das CO2 verschwinden lassen – aus Abgasen filtern und in leere Ölfelder pumpen etwa –, andere wollen die Erde abschatten. 1997 preschte Edward Teller – der in jüngeren Jahren die Wasserstoffbombe erfand – mit seinem Plan einer „Sonnencreme für den Planeten Erde“ vor: Er wollte hoch in der Atmosphäre viele kleine Sonnenlicht-Reflektoren platzieren. Andere wollten den gleichen Effekt mit großen Spiegeln erreichen, wieder andere die Meere mit Tischtennisbällen bedecken.

Ernst nahm das Ganze so lange niemand, bis 2006 der Atmosphärenchemiker Paul Crutzen – er hat das Ozonloch entdeckt und dafür den Nobelpreis erhalten – mit der Idee kam, die Erde durch simulierte Vulkanausbrüche abzuschatten: Crutzen nahm sich den Ausbruch des Pinatubo 1991 zum Beispiel und rechnete vor, man müsse nur ein Drittel seiner Emission an Schwefeldioxid in die obere Atmosphäre bringen, mit Ballons oder Geschossen (Climatic Change, 77, S.211). Andere rechneten nach und bestätigten, aber dann fand Rolf Müller (Jülich) – ein Schüler von Crutzen – einen unerwarteten Nebeneffekt: Das Schwefeldioxid würde die Ozonschicht schädigen, und die schützt uns vor UV (Science, 24.4.)

Unerwartete Nebeneffekte fürchteten viele auch vom Meerdüngen: Algenblüten könnten allen Sauerstoff verbrauchen und „Todeszonen“ schaffen; Algen emittieren auch Gase, die wieder die Atmosphäre durcheinander bringen könnten. Deshalb hat die U. N. Convention on Biodiversity (CBD) ein „de-facto-Moratorium“ verhängt: Gedüngt werden soll erst, wenn es eine „angemessene wissenschaftliche Grundlage gibt“. De jure allerdings reicht die Kraft dieses Moratoriums nicht überall hin, vor allem nicht in die USA, die nicht Mitglied beim CBD sind. Und eine in San Francisco ansässige, düngewillige Firma – Climos Inc – hat die Fortsetzung ihrer Aktivitäten angekündigt (www.etcgroup.org). jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2008)