Thomas Kierok hat Prominente fotografiert und ihnen einige Weisheiten abgerungen. Die Persönlichkeiten bleiben im Halbdunkel – wie ihre Porträts.
Was passiert, wenn man seinen Lebensunterhalt mit einer bestimmten Tätigkeit (etwa dem Fotografieren) verdient und sich dazu entschließt, dazwischen etwas ganz anderes zu machen, kann man bei Thomas Kierok beobachten. Man macht exakt das Gegenteil. Der Deutsche Fotograf verdient sein Geld hauptsächlich mit Porträtfotografien. Mit hellen, perfekt ausgeleuchteten Fotos, die in Hochglanzheften, politischen Wochenmagazinen, wie dem „Spiegel“ oder der „Zeit“, erscheinen und dort vor allem einen Zweck erfüllen müssen: den Prominenten gut sichtbar machen.
Dass das mitunter nicht immer die schönste Variante ist, um einen Menschen abzubilden, wollte Kierok (abseits seines Broterwerbs) mit einem Bildband zeigen, an dem er seit mehr als drei Jahren gearbeitet hat. „Einsichten“ ist soeben im Knesebeck Verlag erschienen und zeigt 49 Porträts vorwiegend deutscher Prominenter – aus Kultur, Fernsehen und Politik.
Im Unterschied zur Arbeit an seinen sonstigen Aufträgen hat der 42-jährige Fotograf diesmal aber alles ganz anders gemacht. Er verwendete kein künstliches Licht. Stattdessen hat Kierok eine Taschenlampe als einzige Lichtquelle eingesetzt, weshalb die Aufnahmen sehr dunkel und düster geworden sind.
Porträtiert hat er allerdings seine üblichen Klienten. Schauspielerinnen, wie Katja Riemann („Aimee und Jaguar“, „Bandits“), Schriftsteller wie Roger Willemsen und Hellmuth Karasek (früher Mitglied des „Literarischen Quartetts“) oder Gudrun Pausewang, Theaterintendant Claus Peymann und Politiker wie Guido Westerwelle (FDP) und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.
Der Fotograf und die Fotografierten ersparten sich aber auch lange Wartezeiten, die sonst die Zeit in der Maske verschlingt. Kierok hat seinen Kunden allerdings ein anderes, zeitintensives Opfer abgerungen. Er bat alle Porträtierten, sich im Anschluss an die Fototermine zu sieben Grundfragen unserer Existenz – zu Liebe, Lebensphilosophie, Erfolg, Glück, Selbsterkenntnis, Spiritualität und Tod – zu äußern. Erstaunlicherweise scheint sich der Großteil der Prominenten ungern mit eigenen Worten zu solchen Dingen zu äußern. Beinahe jeder Zweite schmückte sich stattdessen mit mehr oder weniger schlauen Sprichworten von Gelehrten, Schriftstellern oder asiatischen Kulturkreisen.
Immerhin Volker Schlöndorff ließ sich selbst was einfallen und sagt über die Liebe: „Sie kommt leider meist zu spät.“ Autor Andreas Altmann, der auch für „Die Presse“ Reisekolumnen schreibt, findet Erfolg „sexy“ und Selbsterkenntnis „Zum Fürchten“. Pausewangs Lebensphilosophie lautet: „Ich reise immer mit leichtem Gepäck“. Und Komödiantin Hella von Sinnen sagt nur „Aua“ über den Tod.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2008)