Seit 20 Jahren erscheint die Zeitschrift „Lettre“ auf Deutsch – ein schöner Salon für die Kultur.
Im Sommer 1988 überraschte ein großformatiges Heft (halbnordisches Format) von hundert Seiten die literarische Welt. Das Cover, ein vieldeutiges europäisches Sujet, und viele Illustrationen stammten von Jörg Immendorff, die Artikel waren ungewöhnlich lang, richtig fette Essays. Und am Rande gab es Buchtipps, für jene, denen pro Quartal die beste Literatur im Umfang von zirka drei Büchern noch zu wenig war. Die in Berlin unter kräftiger Mithilfe des „tageszeitung“-Kollektivs herausgegebene erste Nummer der internationalen Zeitschrift „Lettre“ auf Deutsch sollte vierteljährlich erscheinen, mit Autoren aus aller Welt.
Schreiber vom Rang eines Bobbio, Enzensberger, Paz, Vargas Llosa, Roth, Brodsky, Kott oder Todorov ließen keinen Zweifel: Hier gibt es nur erste Wahl, die man bereits von der ursprünglich französischen Ausgabe (1984), den italienischen und spanischen Ablegern gewohnt war. Das Heft sollte eine europäische Herausforderung an den Provinzialismus sein. „Wir möchten es unseren Lesern, soweit wir dazu in der Lage sind, ermöglichen, durch die Augen anderer zu sehen und sich mit den Augen anderer zu betrachten“, hieß es im Editorial.
Kleine Weltgeschichte
Überraschenderweise hat sich das elitäre Unternehmen dennoch gehalten. Bis zu 18.000 Exemplare werden verkauft, jetzt sogar ein wenig mehr, denn in diesen Tagen erscheint zum Jubiläum die Nummer 81 als Prachtband mit 250 Seiten. Cover: Georg Baselitz, eine Swastika wie von Mondrian konstruiert. 135 Autoren, Künstler und Fotografen haben zum Heft beigetragen, wie jedes hat es auch ein Generalthema: „So leben wir jetzt. Künstler, Dichter, Denker zur Lage der Welt.“ Großspurig? Nein, denn der feine Salon löst sein Versprechen ein, wenn auch zuweilen unter Zuhilfenahme ausgewählter Übersetzungen aus edlen Magazinen wie dem „New Yorker“. Viele der Kontributoren wurden inzwischen mit höchsten literarischen Auszeichnungen versehen, etwa Walcott, Jelinek Grünbein, Murray, Goytisolo, Fuller oder Deguy, mancher, das scheint sicher, wird auch noch den Nobelpreis kriegen.
„Lettre“ begleitete klug den Umbruch von 1989, wandte sich demonstrativ Osteuropa zu, führte die Kunst des Essays, des Briefes und der Reportage zu neuen Höhen. Auf diesen Seiten wird auch eine kleine Weltgeschichte abgebildet. 1997 bis 1999 lobte man einen Essay-Preis aus, 2003 bis 2006 einen Reportage-Preis. Derzeit fehlt dazu leider ein Geldgeber. Das Unternehmen im Eigenverlag ist unabhängig, ohne öffentliche Förderung. Die Zwischenbilanz: 2500 Texte von 1500 Autoren. Mit jeder Nummer kommen 20 neue hinzu, die man sich merken sollte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2008)