Forscher untersuchen die Bewegungsmuster von Menschen mit GSM-Ortung ihrer Mobiltelefone.
Nützt die Mobiltelefonie eher der Promiskuität oder der Treue? Eher für Zweites spricht die Möglichkeit des Handy-Tracking, also der Ortung eines Gesprächspartners via Telefon. (So organisiert die Website Ehebruch24.de „Liebesbeweise“ per Ortungsgenehmigung.) Dabei gibt es zwei Möglichkeiten. GPS-Ortung ist teuer und sehr genau: Über das satellitengestützte „Global Positioning System“ können die Koordinaten eines Handys resp. der Person, die es trägt, auf einen Meter genau bestimmt werden.
Billiger und ungenauer ist GSM-Ortung: Dabei wird nur die Basisstation bestimmt, über die das Handy soeben kommuniziert. Die Genauigkeit hängt also davon ab, wo man ist: In dünn besiedelten Gebieten deckt eine Basisstation oft viele Quadratkilometer ab, in der Stadt ist die Dichte viel größer.
Diese – ungenaue – Technik haben Forscher um Albert-Lászlo Barabási (Northeastern University, Boston) für eine Untersuchung verwendet, die unlängst unter einem großartig klingenden Titel in Nature (453, S.779) publiziert wurde: „Understanding individual human mobility patterns“.
Die Methode ist originell: Via GSM-Ortung wurden die Bewegungen von 100.000 Menschen, zufällig ausgewählt aus sechs Millionen (anonymisierten) europäischen Handy-Benützern, sechs Monate lang verfolgt. Mit auffällig geringer Auflösung: Im Durchschnitt deckte eine Basisstation ungefähr drei Quadratkilometer ab.
Die Resultate sind nicht so originell. Von frei lebenden und nach Futter suchenden Tieren weiß man, dass ihre Bewegungen sich als „Lévy-Flug“ beschreiben lassen. Das ist eine Art des „random walk“, also der zufälligen Bewegung, wie sie etwa ein Teilchen in einer Flüssigkeit ausführt (Brownsche Bewegung) oder ein völlig Betrunkener beim Versuch, nach Hause zu kommen („Drunkard's Walk“). Typisch für einen „random walk“ ist, dass das Objekt resp. Subjekt, das sich bewegt, keine Erinnerung an seine jeweils vorigen Bewegungen hat.
Das trifft auf Menschen im Allgemeinen nicht zu. Im Gegenteil: Viele gehen z.B. regelmäßig zur Arbeit, täglich denselben Weg. Genau die mathematische Entsprechung solcher Regelmäßigkeiten fanden die Forscher. „Wir fanden heraus, dass menschliche Bewegungen (trajectories) ein hohes Ausmaß an zeitlicher und örtlicher Regelmäßigkeit zeigen, dass jedes Individuum durch eine zeitunabhängige charakteristische Reisedistanz und eine signifikante Wahrscheinlichkeit zu wenigen stark frequentierten Orten zurückzukehren charakterisiert werden kann“, sagt Barabási.
Sehr wohl ein Lévy-Flug-Muster hatten frühere Versuche zur Beschreibung menschlicher Mobilität ergeben: mit markierten Banknoten. Das liegt daran, dass die keinem Besitzer treu bleiben. Physikalisch gesagt: Geld diffundiert besser als Menschen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2008)