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Wrabetz: "Die Zeit läuft uns nicht davon"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Interview. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz wartet mit seinem Strukturkonzept noch die Prüfung des Rundfunks durch EU und Rechnungshof ab.

Die Presse: Die Euro 08 hat dem ORF eine Traumquote beschert. Das Spiel Österreich gegen Deutschland sahen rund 2,2 Millionen Österreicher. Wer wird gewinnen?

Alexander Wrabetz: Bis gestern habe ich auf Holland getippt, weil sie die überzeugendste Gesamtleistung gezeigt haben. Toll wäre ein Finale Holland gegen Deutschland.

Sind sie ein echter Fußballfan oder ein Mitläufer in der VIP-Zone?

Wrabetz: Ich bin ein Fan. Ich war als Kind ein begeisterter Fußballplatzgeher - und gehe jetzt auch mit meinen Kindern. Aber im Gesicht anmalen würde ich mich nicht mehr.

Wird der Fußball die ORF-Quote heuer retten? Werden Sie die 40 Prozent Zielmarktanteil erreichen?

Wrabetz: Wir werden im ersten Halbjahr die 40 Prozent erreichen. Der Mai war schlechter als erwartet, die Euro läuft dafür besser. Im August haben wir dann die Olympischen Spiele, die zwar ungünstigen Zeitzonen stattfindet, aber für den Tagesmarktanteil schon etwas bringen sollte. Insofern sind wir im Zielkorridor. Aber dass es schwer ist, die 40 Prozent zu erreichen, weil extrem anspruchsvoll, haben wir immer gesagt.

Der Jahresabschluss 2007 ist ja ein guter - trotzdem müssen die Menschen mehr Gebühren zahlen. Wie erklären Sie das?

Wrabetz: Wir haben immer gesagt, 2007 wird sich trotz aller Schwierigkeiten die schwarze Null ausgehen. Für 2008 und folgende habe ich immer gesagt - und das lässt sich schon in meiner Bewerbung nachlesen -, dass wir ein extremes Strukturproblem 2008, 2009 und 2010 bewältigen müssen. Die Billig-Konkurrenz der Werbefenster wird zur Vollkonkurrenz, weil die Werbefenster dann in 90 Prozent der Haushalte einstrahlen werden (wegen der TV-Digitalisierung, Anm.). Das ist wie bei der AUA: Solange die Billigairlines nur zwei Destinationen von Wien aus anfliegen konnten, war es kein Problem. In dem Moment aber, wo die alle Destinationen anfliegen können, gibt es ein Problem. Und in der Situation sind wir jetzt.

Ein Problem - wie viel Minus genau?

Wrabetz: Der ORF wird 2009 ca. 90 Millionen Euro zwischen Erlösen und Aufwand zu schließen haben. Diese Differenz lässt sich nur über die Kosten allein nicht schließen. Daher die Inflationsanpassung der Gebühren. Das reicht aber auch nicht aus. Es müssen auch auf der Kostenseite rigorose Maßnahmen umgesetzt werden. Wenn die Gebührenanpassung nicht gekommen wäre, dann würde das für die Erbringung unserer Leistungen massive negative Auswirkungen haben.

Gegen die Gebührenerhöhung läuft aber noch eine Beschwerde beim Bundeskommunikationssenat.

Wrabetz: Wenn die Beschwerdeführer Recht bekommen, dann wäre das eine dramatische Situation: Das würde alle öffentlich-rechtlichen Leistungen, die der ORF selbstverständlich erbringt, in Frage stellen.

Im 1. Quartal liegt das operative Ergebnis des ORF fünf Millionen Euro unter Plan - was ist passiert?

Wrabetz: Es ist die Werbung etwas schwächer als der sehr ambitionierte Plan und auf der Kostenseite sind ein paar Dinge, die sich in den Quartalen hin und her verschieben. Das Jahr wird ein schwieriges, wir haben einen sehr großen Preisdruck von den Werbefenstern. Im Vorjahr haben 900.000 Haushalte auf Digital-Satellit umgestellt, heuer nur mehr 80.000 - der große Veränderungsschub, wo wir gedacht haben, der wir sich auf 2008 und 2009 verteilen, ist zur Gänze schon 2008 gekommen - mit mehr Konkurrenz in der Werbung und Effekten, die wir erst Ende 2008, Anfang 2009 erwartet haben. Aber wir reden bei einem Jahresumsatz von 915 Millionen Euro von einer Abweichung im Ausmaß von weniger als einem Prozent des Umsatzes - da werden wir während des Jahres noch Anstrengungen untenehmen, dass wir uns in Richtung Zielergebnis bewegen.

Wie wird das Geschäftsjahr ausfallen?

Wrabetz: Ziel ist ein Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit von minus 27 Millionen Euro. Wir haben immer gesagt, die Großereignisse heuer - die Euro und Olympia - finanzieren wir nicht aus dem normalen Ergebnis, sondern aus Reserven. Das sind diese 27 Millionen.

Mit welchem Gefühl sehen Sie dem Rechnungshof-Rohbericht entgegen?

Wrabetz: Eine Rechnungshofprüfung ist immer ein wichtiges Ereignis - und da werden sicher wichtige Anregungen drinnen sein. Der ORF ist ja ein Unternehmen, das extrem intensiv geprüft wird.

Worum geht es dem Rechnungshof?

Wrabetz: Natürlich geht es um die Frage, wie kann man die Kosteneinsparungsprogramme, die notwendig sind, realisieren und wo gibt es Einsparungspotenziale. Im Kern geht's darum: Der ORF hat jetzt einen ganz großen Strukturwandel zu bewältigen. Bei der letzten Rechnungshofprüfung 1995 gab's keine Werbefenster, im Durchschnitt pro Haushalt halb so viele Programme wie heute, kein österreichisches Privat-TV, kein Internet, kein Privatradio - das war eine komplett andere Welt. In den zehn Jahren haben wir die Phase eins dieses Strukturwandels bewältigt, wie man aus den Zahlen ablesen kann. Jetzt kommt die nächste Phase, wo dieser Strukturwandel abgeschlossen werden muss.

Dem Stiftungsrat wurde trotzdem noch immer kein langfristiges Strategiepapier vorgelegt.

Wrabetz: Es wird ein Strategie- und Strukturkonzept geben, das die Ergebnisse des EU-Verfahrens und die Rechnungshof-Erkenntnisse berücksichtigt - das wird alles einfließen in ein Arbeitsprogramm für die nächsten zehn Jahre. Das muss basieren auf der Entwicklung einer Vision, eines Leitbildes: Wie bestimmt sich in so einer total veränderten Situation die Rolle von öffentlich-rechtlichem Rundfunk neu.

Wer soll diese Rolle definieren?

Wrabetz: Es gibt ja einen relativ klar umrissenen gesetzlichen Auftrag - auch die EU hat das festgestellt und nur in manchen Bereichen eine Präzisierung gefordert. Ich glaube, dass die Politik hier Rahmenbedingungen setzen soll, aber die Entwicklung des Leitbildes und die Umsetzung ist Sache des ORF.

Dem Vernehmen nach kritisiert der Rechnungshof, dass der ORF ineffizient arbeitet - Ihre Diagnose?

Wrabetz: Ich würde mich sehr wundern, wenn er das generell feststellen würde. Er wird aber ganz sicher bestimmte Bereiche finden, wo man die Effizienz noch steigern kann.

Der Rechnungshof spricht angeblich auch von mangelnder Produktivität - Kosten und Personalstand seien zu hoch. Ist der ORF noch immer so etwas wie eine Beamtenhochburg: Gutes Salär, wenig zu tun?

Wrabetz: Das sind teilweise Vorurteile, die vielleicht in der Vergangenheit ihre Berechtigung gehabt haben. Aber wir haben bei geringerem Personal ständig Leistungen ausgebaut. In den Landesstudios haben wir so viel gespart, dass die Mitarbeiter an den Grenzen der Belastbarkeit sind.

Sie wollen 250 Planposten sparen. Wie wollen sie das gegen die Betriebsräte durchbringen?

Wrabetz: Wir haben ja keine andere Wahl als diese Probleme jetzt zu lösen. Die Zuschauer leisten ihren Beitrag mit der Gebührenanpassung und daher müssen wir auch auf der Kostenseite alle Anstrengungen unternehmen, damit wir nicht das Eigenkapital verbrauchen und dann in eine bedrohliche Situation kommen. Da müssen wir uns alle zu unkonventionellen Schritten verständigen. Sicher muss man ein soziales Augenmaß haben, aber wir wollen ja das Unternehmen in seiner Gesamtheit erhalten.

Wie viel müssen Sie sparen?

Wrabetz: Wir müssen für das nächste Jahr weitere 50 Millionen Euro einsparen. Das ist nach mehreren Sparpaketen sehr viel Geld. Wir müssen Strukturen überdenken, Möglichkeiten, die die neuen Technologien bieten, nützen. Dabei wird der Arbeitsdruck steigen - aber das ist ja in anderen Medienhäusern und Branchen auch der Fall.

Bilden sich da auch neue Berufsbilder heraus?

Wrabetz: In den Landessstudios ist das trimediale arbeiten schon eine Selbstverständlichkeit: Ein Redakteur macht für das Fernsehen, das Radio und auch für Online den Beitrag. Wir setzten auch sehr stark auf Ein-Mann-Kamerateams - in den Landesstudios schon zu 80%. Wir haben gute Erfahrungen mit V-Js - das ist eine neue Arbeitsweise, die ganz sicher kommen wird. Klar, dass man nicht das Hahnenkammrennen mit V-Js aufnehmen wird, aber bestimmte Formen von Meldungsfilmen zum Beispiel.

Man hört, es sollen auch 30 Millionen Euro im Programm eingespart werden. Wo könnte das sein?

Wrabetz: Wir sparen 50 Millionen gesamt - dazu müssen alle beitragen, mehr sage ich nicht. Es braucht viele Einzelmaßnahmen. Auf bestimmte Dinge werden wir auch verzichten: Die Mittelwelle ist verzichtbar. Bestimmte spezielle Radioprogramme - zum Beispiel Schülerradio - das kann man ins Internet verlagern. Auch die Kurzwelle wollen wir schrittweise endgültig ins Internet verlagern.

Denken Sie auch daran, bestimmte Unternehmensbereiche auszulagern?

Wrabetz: Die gesamte Technik auszulagern, was immer wieder gefordert wird, halte ich für keinen sinnvollen Weg. Aber es gibt Bereiche, wo wir vom Rechnungshof aufgefordert werden, Strukturalternativen zu prüfen. Bei der ORS Sendertechnik sind wir ja bereits erfolgreich einen neuen Weg gegangen (40 Prozent davon hat man an Raiffeisen verkauft, Anm.).

Wird es neue Spartenkanäle geben?

Wrabetz: Wir klären das jetzt im EU-Verfahren: Können wir TW1 in einen Info-Spartenkanal umwandeln oder nicht? Kriegen wir die Möglichkeit, mit einem Kinder-Spartenkanal zu kooperieren? Können wir Sport Plus langfristig absichern und haben daher eine Spartenkanal-Familie, die unsere beiden Hauptprogramme ergänzt. Und wie hängen unsere beiden Hauptprogramme und die Spartenkanäle wieder mit Online zusammen? Das kann man nur machen, wenn die Rahmenbedingungen klar sind, wenn EU und Rechnungshof ihre Vorstellungen unterbreitet haben - im Herbst, bei der Klausur des Stiftungsrats, wissen wir das hoffentlich.

ARD und ZDF müssen laut einem Vorschlag der Ministerpräsidenten ihre Online-Aktivitäten beschränken, dürfen keine Spiele, keine Kleinanzeigen und nur Sendungsbezogenen Inhalt im Netz machen. Wie wird da die Zukunft des ORF aussehen?

Wrabetz: Die EU verlangt auch von Österreich eine Präzisierung des Online-Auftrags, es ist aber nicht das Anliegen der EU, die Online-Auftritte der Öffentlich-Rechtlichen zu zerstören oder zu verunmöglichen - sondern sie sagen, es ist ein legitimer Teil des Angebot der Öffentlich-Rechtlichen. Wobei im Kern die Frage ist: Wie nahe an den Sendungen des TV und Radios muss das sein und welche ökonomischen Beschränkungen gibt es? Aber es ist auch klar, dass die EU nicht möchte, dass das nur die Abschriften von Sendungsinhalten sind. Also: Wenn wir in Zukunft inhaltlich so viel machen dürfen wie die BBC - und die haben das EU-Verfahren schon hinter sich -, dann sind wir zufrieden. Und alles, was wir derzeit bei orf.on machen, ist innerhalb dieser Regeln und Grenzen.

Was soll ORF im Internet können dürfen?

Wrabetz: Was unseren Aufträgen entspricht: Information, Unterhaltung - das sollte auch im Internet grundsätzlich möglich sein, wenn es im Zusammenhang mit dem Programm steht.

Was soll der ORF nicht dürfen?

Wrabetz: Bestimmte Formen kommerzieller Spiele, kommerzieller Angebote, Partnerbörsen zum Beispiel oder rubrizierte Anzeigen.

Ist so etwas wie die "Ski-Challenge", die der ORF veranstaltet hat, nicht schon jenseits der Grauzone?

Wrabetz: Nein, weil es gab einen konkreten Bezug zum Programm, nämlich zu übertragenen Schirennen, um das TV-Erlebnis zu erweitern. Kostenlos. Andere Dinge, die mir vorgeschlagen wurden, haben wir nicht gemacht - zum Beispiel fiktionale Autorennen, wo man sich gegen Geld daran beteiligen kann.

Die EU ist der Ansicht, staatliche Beihilfen sollten nur dort zum Einsatz kommen, wo der Markt nicht funktioniert. Die ORF-Gebühr ist eine staatliche Beihilfe - und der Online-Markt funktioniert prächtig. Ist da mit Beschränkungen zu rechnen?

Wrabetz: Man kann lange drüber streiten, ob die Rundfunk-Gebühr eine staatliche Beihilfe ist - das ist "to entertain the lawyers". Fürs Verfahren wichtig aber ist, dass die EU festgestellt hat, dass die ORF-Gebühr jedenfalls eine erlaubte Beihilfe ist. Daher ist auch die Finanzierung von Online daraus grundsätzlich erlaubt.

Stichwort Handy-TV. Derzeit gibt's DVB-T, DVB-H und UMTS. Wohin wird die Reise gehen?

Wrabetz: Das wird der Konsument entscheiden. Wir haben uns entschieden, hier alle Plattformen zu ermöglichen und unsere Kosten und Risken dabei zu minimieren. Unsere Programme werden auf UMTS ausgestrahlt, sie sind auf DVB-T empfangbar und wir haben eine Vereinbarung mit Media Broadcast, dass sie auch unsere Programme auf DVB-H ausstrahlen. Die ORS macht gute Geschäfte, weil sie macht die technische Abwicklung für Media Broadcast.

Wird der ORF ein eigenes Handy-Programm anbieten?

Wrabetz: Einen Made-for-mobile-Kanal dürfen wir auf Basis des Gesetzes nur kommerziell betreiben. Und da ich jetzt nichts riskieren kann, zumal vor dem EU-Verfahren, warten wir einmal ab, ob sich das kommerziell rechnen kann. Die Zeit läuft uns nicht davon. ORF1 ist der meist gesehene Kanal auf allen drei Plattformen - nicht nur jetzt während der Euro wird das die Hautpnutzung sein. Wenn es dann ein paar Hunderttausend DVB-H-Nutzer sind, haben wir Überlegungen, dass wir einen Spezialkanal starten können. Aber dazu brauchen wir Sicherheit am Markt.