Deutschland


Ich habe eine typisch deutsche Mittelgebirgslandschaft vor Augen: Der Horizont wird nicht von gezackten Gebirgsmassiven beherrscht, sondern von nicht allzu hohen Bergen und sanft gerundeten Hügelrücken. Vorherrschende Farbe ist das dunkle Grün von Tannen- und Fichtenwäldern – ein wenig gesprenkelt von den Kronen der Laubbäume, und das hellere Grün der Wiesen in den Tallagen, durch das sich kleinere Bäche schlängeln. Immer wieder tauchen Fachwerkhäuser auf, schiefergedeckt, zumeist klein, manchmal aber auch behäbig und ausladend mit reich geschnitzten Türen und bunt bemaltem Holzwerk. Die Dörfer sind eher klein, die Häuser um eine Kirche mit Zwiebelturm geschart. In kleineren Städten sind die Fachwerkhäuser an der Wetterseite, manche sogar ganz mit Schiefer verkleidet – wodurch das Schwarz-Weiß des Fachwerks noch einen zusätzlichen dunkel-glänzenden Aspekt erhält.

Ich könnte vom Harz sprechen, vom Teutoburger Wald, vom Weserbergland, vom Solling, vom Bergischen Land, von der Rhön. Vor Augen habe ich aber das Sauerland, wo ich meine frühe Kindheit verbracht habe. Heute sind viele Orte noch schöner geworden, manche haben Preise gewonnen. Die traditionsreichen Gasthöfe des Sauerlandes sind noch komfortabler und „wellnessiger“ geworden. In ihnen kann man sich selbst an einem nebligen, nassen Novembertag wohlfühlen, wenn man sich am prasselnden Herdfeuer wärmt, sein Bier trinkt – das Sauerland kann sich so manch guter Brauerei rühmen – und einen zünftigen Doppelkopf spielt, bei dem man seinem Partner den Wink geben kann: „Hinten sticht die Biene“.


Wälder, Täler, Hammerwerke

Hier kann man stundenlang bergauf, bergab wandern, ohne einer Menschenseele zu begegnen, ja man freut sich geradezu, einen anderen Wanderer grüßen zu können. Es sind nicht nur einsame Forsthäuser, auf die man stößt, sondern immer wieder lichtet sich der Wald, öffnet sich ein Tal, in dem ein Kloster – wie etwa im kleinen Ort Grafschaft – steht oder eine Wassertalsperre blinkt.

Die landschaftliche Schönheit mit den vielen Wandermöglichkeiten hat auch dazu geführt, dass im Sauerland die erste Jugendherberge der Welt eröffnet wurde. In den Tälern haben sich schon früh Handwerksbetriebe mit ihren Hammerwerken und Wassermühlen angesiedelt – heute oft zu mittelständischen Unternehmen herangewachsen. An diese Ursprünge erinnern kleine Technikmuseen. Die Gegend hat ihre Reize zu jeder Jahreszeit. Im Frühjahr und im Sommer kommt die vielfältige Flora am besten zur Geltung. Herbst ist große Wandersaison. Wären wir nicht in Österreich, würde ich auch den Wintersport erwähnen – der Kahlen Asten (700 m) kann da nicht konkurrieren, auch wenn es Skischanzen und eine Bobbahn gibt. Doch wer aus dem Ruhrgebiet kommt, aus Fußballstädten wie Dortmund, Essen oder Gelsenkirchen, weiß die Möglichkeiten vor der Haustüre wohl zu schätzen.

Dr. Gerd Westdickenberg,

Botschafter Deutschlands in Wien

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2008)