Spätestens beim Parteitag werden wir wissen, was ein „quorum“ ist, und was ein „parricida“.
Vor zwei Wochen wurde vom Gegengift-Nationalteam kühn und mitfühlend prognostiziert, Bundeskanzler Alfred Gusenbauer könne beruhigt das Endspiel zwischen Italien und Deutschland bei der Fußball-Europameisterschaft besuchen. Noch habe Brutus seinen Dolch nicht gezückt. Kühn war diese Behauptung deshalb, weil kein Experte erwarten konnte, dass der unberechenbare Divus Michael Ballack durch ein Glückstor den traditionell heimstarken Favoriten Österreich aus dem Bewerb schießen würde.
Jetzt müssen nur noch Italien und die Schiedsrichter mitspielen, damit nicht die traditionell auswärtsstarken Niederländer, Russen, Spanier und Türken das logische Finale hintertreiben. Kroatien kann eigentlich gar nicht mehr Europameister werden, denn moralisch haben diese wackeren Kerle bereits gegen Österreich verloren. Selbst wenn sie gestern Abend, was ich noch nicht weiß, die Türken besiegt haben würden. Wenn aber die Kroaten wider Erwarten im Halbfinale Deutschland erneut besiegen würden, wüsste doch jeder Patriot, dass in Wirklichkeit den Österreichern statt der Kroaten der Siegeskranz gebührte.
Wem aber gehört künftig der Lorbeer in der Kanzlerpartei? Das ist keine logische, sondern eine rein emotionale Frage. Die Gegengift-Prognose vor zwei Wochen war nicht nur kühn, sondern auch mitfühlend, weil sich kein Mensch, der das Herz am rechten Fleck hat, vorstellen konnte, dass die Partei mit den besten Sitzplätzen im Praterstadion ausgerechnet jenen Mann stürzen wolle, der schon in früher Jugend geplant hatte, bei der Euro 2008 als Primus inter pares neben Kanzlerin Angela Merkel und in der Nähe der Präsidenten Fischer und Stickler sitzen zu dürfen.
Deshalb ist es auch Alfred Gusenbauers Parteifreund Werner Faymann, der hier schon einmal voreilig mit dem strebsamen englischen König Richard III. verglichen wurde, hoch anzurechnen, dass er sich vorerst mit der spontan vergebenen Funktion des Geschäftsführenden SPÖ-Vorsitzenden begnügt. Wie hätte das denn ausgeschaut? Soll der Sessel leer bleiben zwischen Italiens Premier Silvio Berlusconi und Angela Merkel im Praterstadion, weil sich der SPÖ-Chef in spe und der Bundeskanzler sine spe darum streiten, wer denn der Mächtigere sei auf dem Kickplatz?
Diese Schande bleibt uns erspart, weil der Werner, wie ich den gesammelten Schriften Catos entnehme, nicht nur ein herziger Minister, sondern ein richtiger Mensch ist, der im ganzen Land die österreichische Fahne in den Wind hängen lässt.
Apropos Cato: Als wir neulich im Gegengift-Kader ein wenig Latein übten, um nicht nur eurofit zu werden, sondern auch pressetauglich zu bleiben, bemerkten wir gewisse Mängel bei der Bewältigung ausgesuchter Tacitus-Passagen über die Germanen. So etwas würde dem verehrungswürdigen, auf Rom fixierten Telemax nie passieren. Über den Sommer gibt es für uns jetzt täglich eine halbe Stunde „Liber Latinus“. Spätestens beim Parteitag der SPÖ werden wir wissen, was ein „quorum“ ist, ein „per acclamationem“ und ein „parricida“.
Offen bleibt in diesem Fieber vor dem Endspiel nur: Wer bewacht im nächsten Spiel den Schweinsteiger?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2008)