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Nach Kroatien - Türkei: Blutende Nasen und fliegende Pflastersteine

Nicht alle Fans feierten friedlich
(c) APA (Herbert P. Oczeret)
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Nach dem Spiel zwischen der Türkei und Kroatien flogen Pflastersteine, Flaschen und Feuerwerkskörper. Die Polizei bemühte sich, die beiden Fangruppen zu trennen. 12 Personen wurden verhaftet.

Schwere Ausschreitungen haben in der Nacht auf Samstag den Sieg der Türken gegen Kroatien in Wien überschattet. Laut Polizei gab es zwölf Festnahmen. Brennpunkt der Krawalle waren die Ottakringer Straße im gleichnamigen Gemeindebezirk sowie die Märzstraße in Rudolfsheim. Genaue Angaben zu Verletzten lagen zunächst nicht vor.

Fliegende Pflastersteine

Die dramatische Schlussphase des Viertelfinalspiels, bei der sich die Kroaten kurzfristig als Sieger wähnten, dann aber doch - nach Verlängerung und Elfmeterschießen - als Verlierer vom Platz gehen mussten, brachte bei den Fans das Fass zum Überlaufen. Unmittelbar nach dem letzten Strafstoß versuchten kroatische Anhänger von der Ottakringer Straße zum Yppenmarkt zu gelangen, wo bereits die Siegesfeiern der Türken im Gange waren. Doch die Polizei riegelte die Gassen ab - was folgte, waren zahlreiche Glasflaschen und pyrotechnische Gegenstände, die auf die Beamten geworfen wurden.

Als bei der Kreuzung Ottakringer Straße-Veronikagasse die Polizei knapp ein Aufeinandertreffen der rivalisierenden Fangruppen verhinderte, wurden auch von türkischer Seite Pflastersteine gegen Kroaten und Exekutive geschleudert. Die Kroaten antworteten mit Flaschenwürfen - auch gegen Türken, die aus den Fenstern ihrer Wohnungen Fahnen schwenkten. Bei einem Friseurgeschäft wurde ein türkischer Fan von einem Wurfgeschoß getroffen und verletzt.

Polizei: Einkesselungen und Festnahmen

Die Sicherheitskräfte versuchten durch Abriegelungen, Einkesselungen und punktuelle Festnahmen die Lage in den Griff zu bekommen. Erst nach knapp drei Stunden entspannte sich die Situation allmählich. Die Ausschreitungen waren offenbar von einer Minderheit angezettelt worden, die laut kroatischen Anrainern nicht aus Wien stammen. Einige Fans versuchten auch immer wieder beruhigend auf ihre aggressiven Landsleute einzuwirken. Viele in der Bundeshauptstadt ansässige Kroaten äußerten lautstark ihren Unmut und applaudierten, als die Randalierer abgeführt wurden.

Zu einer weiteren Auseinandersetzung kam es Polizeiangaben zufolge auf der Märzstraße. Dort waren rund 100 türkische Fans an einem kroatischen Lokal vorbeigezogen und hatten den gegnerischen Anhang provoziert. Die Polizei brachte die Lage relativ schnell unter Kontrolle.

In den Gassen rund um den Yppenplatz feierten die Türken bis in die Morgenstunden ausgelassen den Erfolg ihrer Nationalmannschaft. Mit Trommeln und Blasinstrumenten verwandelten sie die Gegend um den Brunnenmarkt in eine orientalische Partymeile. Der Einzug ins Halbfinale der EURO 2008 wurde mit Tanz, Musik und Jubelgesängen auf den Straßen zelebriert.

Platzwunden und blutende Nasen

Auch in der Wiener Fanzone schlug die zunächst positive Stimmung in der letzten Minute bei einigen Fans in Gewalt um. Am Platz in unmittelbarer Nähe des Rathauses, dem Aufenthaltsort des türkischen Fanblocks, wurden die wenigen kroatischen Fans von aufgebrachten Türkiye-Anhängern attackiert. Einige Fans konnten sich vor der wütenden Menge nur mit Platzwunden und blutenden Nasen in den Gastrobereich der VIP-Boxen retten.

Die Verletzten wurden vom Personal in das abgesicherte Areal gezogen und dort von Sanitätern versorgt. Ähnliches Bild ein paar Meter weiter: Ein Dutzend kroatischer Anhänger wurde in einer Ecke des Areals zusammengedrängt und von aggressiven Türken bedrängt. Das Eingreifen der Security und die nach einigen Minuten eintreffende Polizei konnte die Stimmung zunächst nur wenig beruhigen. Erst der Sieg der Türkei im Elfmeterschießen kühlte die Gemüter ab.

"Einsatzmarathon" für Wiener Polizei

Zwölf Festnahmen lautet die Bilanz der Polizei nach den Ausschreitungen vom Freitagabend in Wien im Zuge des Viertelfinalspiels Kroatien-Türkei im Ernst-Happel-Stadion. Polizeisprecher Christian Stella: "Es war auch für die Wiener Polizei gestern ein Einsatzmarathon. Es war der höchste Personalstand bisher." Es gab zwei Leichtverletzte, betroffen waren ein Polizist und ein Passant.

Stella betonte, dass es sich um keine szenetypischen Ausschreitungen handelte: "Hooliganismus - das war es nicht. Ich vergleiche das immer ein bisschen mit einem Bierzelt." Kritik, dass angesichts der geringen Zahl an Festnahmen zu viele Gewalttäter laufen gelassen worden sein könnten, ließ der Polizeisprecher nicht gelten: "Der Maßstab ist nicht die Anzahl der Festnahmen, sondern die Anzahl der Anzeigen."

Massive Verkehrsbehinderungen

Wegen der von der Fanzone Richtung Ottakring marschierenden Massen musste nach Informationen des Arbö die 2-er-Linie, die Ausweichstrecke zum Ring, für einige Zeit gesperrt werden. Kaum ein Fortkommen möglich war gegen Mitternacht auch am Hernalser Gürtel. Durch den massiven Abstrom der feiernden Fans in Richtung 16. Bezirk ist es laut Verkehrspolizei zu massiven Behinderungen gekommen.

Bregenz: Türkischer Fan niedergeschossen

In einer Wohnsiedlung in Bregenz-Vorkloster gab ein Unbekannter mit einem Luftdruckgewehr einen Schuss ab, dabei wurde ein 18-jähriger türkischer Fan am Kopf getroffen. Laut Polizei musste er mit einer blutenden Wunde ins LKH Bregenz eingeliefert werden, wo ihm das in der Kopfhaut stecken gebliebene Geschoss entfernt wurde. Der Zwischenfall ereignete sich um Mitternacht. "Die türkischen Fans haben groß gefeiert, das Gebiet dort ist dicht verbaut", schilderte Heinz Metzler, Kommandant der Polizeiinspektion Bregenz, die Situation. Es sei so laut gewesen, dass niemand die Abgabe des Schusses gehört habe.

Abgesehen von diesem Zwischenfall habe es in Bregenz - außer "einigen kleineren Sachbeschädigungen" - keine Vorfälle gegeben, so der Polizeiinspektion-Kommandant.

Bosnien: Ausschreitungen in Mostar

Auch in Mostar, der geteilten Hauptstadt der Herzegowina, kam es am frühen Samstagmorgen zu schweren Ausschreitungen. Mehrere Dutzend Menschen, darunter vier Polizisten, wurden verletzt, wie Sprecher des örtlichen Krankenhauses bestätigten. Mehr als tausend Polizisten waren im Einsatz. Sie mussten jubelnde muslimische Bosniaken, die den Sieg ihrer türkischen Glaubensbrüder feierten, von enttäuschten Kroaten trennen.

(APA)