Sie lösten Paul Weller nun auf Platz eins ab: „Coldplay“, nette Band für alle, prominent produziert.
Es war das Jahr, in dem die Barrikaden erfunden wurden: Im Juli 1830 stellten die Pariser „barriques“, Fässer, auf, um sich gegen die Truppen der Reaktion zu schützen. Die Revolutionäre waren siegreich, der Bourbone Karl X. wurde gestürzt, die Trikolore geschwungen. Eugène Delacroix gab sie in seinem Bild „La Liberté guidant le peuple“ einer barbusigen, barfüßigen Frau in die Hand: Sie verkörpert die Freiheit.
Man mag dieses Bild für ein packendes Gemälde halten oder für einen rührseligen Schinken – es ist eine Dummheit, plakativ die Worte „Viva la vida“ darüber zu pinseln. Nicht weil man etwa Bilder nicht übermalen dürfte, sondern weil damit eine klare Aussage – die Freiheit ist auf Seiten der Revolution und umgekehrt – ersetzt wird durch eine schwammige Phrase: Es lebe das Leben, man lebe das Leben, das passt immer und überall, das verstört niemanden und klingt aber irgendwie romantisch. Genau darum ist das Cover der neuen CD von Coldplay ganz typisch für diese Band, die den Kompromiss verkörpert wie keine andere. Und dabei sehr erfolgreich ist.
Karl X.? George W.Bush? Jesus?
Im Titelsong wird Sänger Chris Martin etwas konkreter als sonst: Er versetzt sich in die Rolle eines Herrschers, es könnte Karl X. sein, jedenfalls warten „Revolutionäre auf seinen Kopf auf einem silbernen Tablett“. In Internet-Debatten findet man aber auch Argumente dafür, dass es sich beim lyrischen Ich des Songs um George W.Bush handeln könnte oder gar um Jesus Christus, schließlich ist von „Jerusalem bells“ die Rede...
Coldplay haben eben für jeden etwas zu bieten. Auch für die Werbeindustrie: Der Song lief in einer Kampagne für den iPod.
Dass er aufregender, flimmernder, drängender klingt als frühere Coldplay-Songs, ist dem Wirken von Brian Eno zu verdanken: Er hat das Album produziert – und ihm „life, freedom, drive, distortion, excitement, oddness, madness, sexuality, geekiness and Roxyness“ verliehen, wie Martin schwärmte. Ein Schelm, wer sagt, dass Coldplay-Songs dieser Eigenschaften sonst entbehren.
Tatsächlich ähnelt „Viva La Vida“ verblüffend den U2-Alben, die Eno produziert hat: „The Unforgettable Fire“ und „The Joshua Tree“, das vierte und fünfte Album von U2 (bei Coldplay ist es nun das vierte). Schon zu Beginn, während der Rhythmus von „Life In Technicolor“ sich langsam ins Majestätische steigert, während die akustische Gitarre knistert, meint man Bono Vox im Hintergrund jodeln zu hören; Gitarrist Jonny Buckland klingt mehr denn je wie The Edge.
Die Antwort ist natürlich „42“
Nicht genug damit: Coldplay haben noch einen Produzenten beschäftigt: Markus Dravs, der mit Arcade Fire gearbeitet hat, der kanadischen Band, die eine unerhörte Intensität des Ausdrucks erreicht hat, der es glaubhaft um Körper, Geist und Seele geht.
Der Versuch, diese Intensität nachzustellen, führt bei Coldplay bisweilen zu sinnlosem Bombast, in „Violet Hill“ etwa, mit den sprechenden Zeilen „And the fog became god“. In ihrem ureigenen emotionalen Terrain, dem leicht phlegmatischen Optimismus, aber ist ihnen schlicht Schönes geglückt: „Death And All Of His Friends“ etwa, ein Lobgesang auf das Leben als Abgesang auf den Tod, in dem die Sologitarre leuchtet wie die aufgehende Sonne.
Das ist viel echter, überzeugender als die Totenbeschwörung im von einem Klavierschüler-Klavier getragenen Song „42“ (wohl nach der Antwort benannt, die der Supercomputer in Douglas Adams' Sci-fi-Persiflage „The Hitchhiker's Guide to the Universe“ auf die Frage nach Allem gibt). Und auch als der „hidden track“ namens „The Escapist“, der mit den Worten „And in the end“ anhebt, in der Tradition des Beatles-Albums „Abbey Road“. Ach, die großen, großen Vorbilder!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2008)