INTERVIEW. Laut OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer soll die OMV künftig auch Windstrom produzieren. Eine Beteiligung an der russischen Gas-Pipeline South Stream schließt er nicht aus.
Die Presse: Die Preise an den Tankstellen sind auf Rekordniveau, gleichzeitig vermelden die Ölkonzerne Rekordgewinne. Zocken Sie die Autofahrer ab?
Wolfgang Ruttenstorfer: Diese Gewinne fließen zur Gänze in den Aufschluss neuer Reserven. Wir sind in Österreich sowohl brutto als auch netto preislich unter dem europäischen Durchschnitt. Wir können also wirklich sagen, dass wir eine sehr moderate Preispolitik haben und die Gewinne für die Sicherung der künftigen Energieversorgung brauchen. Die Margen sind notwendig, um mehr Öl auf den Markt zu bringen.
Wie hoch sind derzeit die durchschnittlichen Förderkosten?
Ruttenstorfer: Die variablen Kosten liegen derzeit bei 13,50 Dollar je Fass Öl. Hinzu kommen aber die Fixkosten und Steuern, wodurch das insgesamt deutlich mehr ausmacht. Diese Zahl veröffentlichen wir aber nicht. Es ist keine Frage, dass dann noch eine große Spanne bis zum erzielten Ölpreis liegt. Die erlaubt uns auch unser Investitionsprogramm, das wir von rund einer Mrd. pro Jahr vor einigen Jahren auf inzwischen vier Mrd. pro Jahr gesteigert haben.
Dennoch gibt es in der Regierung Überlegungen, eine Sondersteuer einzuführen, die mehr oder weniger direkt auf die Gewinne der OMV abzielt. Was sagen Sie dazu?
Ruttenstorfer: Es erscheint uns nicht zielführend, wenn gerade die österreichische Energiewirtschaft, die sich im internationalen Wettbewerb befindet, geschwächt wird. Außerdem dürfte es technisch nicht sehr einfach sein. Ab wann ist ein Gewinn zu hoch? Bei der prozentuellen Umsatzrentabilität gibt es viele Firmen, die eine höhere Rentabilität aufweisen.
Wie würden Sie darauf reagieren, wenn es dennoch zu so einer Sondersteuer kommt?
Ruttenstorfer: Wir könnten darauf nicht reagieren. Wir können beispielsweise Gewinne nicht verschieben. Das ist in der EU nicht möglich. Aber es ist für uns höchst spekulativ, über so eine Steuer überhaupt zu reden.
Bei den Treibstoffpreisen bezieht sich die OMV ja auf die Marktpreise in Rotterdam. Wie viel Treibstoff beziehen Sie eigentlich von der Börse und wie viel produzieren sie selbst?
Ruttenstorfer: Der Großteil der von uns verkauften Produkte ist aus der eigenen Raffinerie, wobei wir das Öl dafür großteils zukaufen müssen. Aus Rotterdam beziehen wir nur kleine Anteile. Aber der Gesamtmarkt in Europa richtet sich nach dem Rotterdamer-Preis.
Laut Kritikern gibt es in Rotterdam Preisausschläge, die von der OMV gar nicht gespürt aber an die Autofahrer weitergegeben werden.
Ruttenstorfer: Rotterdam ist ein sehr großer und liquider Markt. Daher sollten die spekulativen Ausschläge dort geringer ausfallen als anderswo. An der Rotterdamer Börse findet in Europa sicher die objektivste Preisbildung statt.
Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für diese Preisexplosion bei Öl- und Ölprodukten?
Ruttenstorfer: Wir leben in einer Zeit der fundamentalen Änderungen. Sehr große Nationen wie China und Indien wollen beim Wohlstand nachziehen. Und für so eine große Menge Menschen lässt sich Energie nicht im ausreichenden Maß mit den bisher verwendeten Maßnahmen zur Verfügung stellen. Ich bin inzwischen überzeugt, dass es sich hier nicht um eine Spekulationswelle handelt, sondern dass wir uns auf ein anderes Energiepreisniveau einrichten müssen. Wo dieses liegt, wissen wir aber noch nicht. Dadurch werden aber auch die teureren Alternativen marktfähig.
Inwieweit ist die OMV bei Alternativenergie aktiv?
Ruttenstorfer: Es gibt bei den Alternativen zwei Stoßrichtungen. Erstens Biotreibstoffe, dort befassen wir uns mit der sogenannten zweiten Generation, die weniger Nachteile mit sich bringt. Zweitens geht es um alternative Stromproduktion – darunter auch Gaskraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung. Wir bauen derzeit unser erstes Kraftwerk in Rumänien und schließen alternative Produktionsmöglichkeiten von Strom – beispielsweise Windkraft am Schwarzen Meer – nicht aus.
Die OMV will also auch ein Stromkonzern werden?
Ruttenstorfer: Die OMV hat sich immer als Öl- und Gaskonzern verstanden und wird sich künftig, da sich die Welt verändert hat, als Energiekonzern verstehen.
Aufgrund der Verknappung von Energie sucht die OMV nach neuen Lieferanten. Daher soll die Gas-Pipeline Nabucco in den Raum des Kaspischen Meeres gebaut werden. Nun hat Russland die OMV eingeladen, sich bei der oft als Konkurrenz zu Nabucco titulierten Pipeline South-Stream zu beteiligen. Ist das interessant für Sie?
Ruttenstorfer: Klar ist es interessant, möglichst viele Pipelines nach Mitteleuropa zu bringen. Daher interessiert uns auch South Stream. Hier soll Gas – das nicht nur aus Russland, sondern auch aus Kasachstan und Turkmenistan stammt – über einen neuen Weg nach Mitteleuropa kommen. Ich sage aber gleich dazu: Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass wir die Nabucco bauen wollen. Wir brauchen beides.
Das heißt, Sie wollen sich an South-Stream beteiligen...
Ruttenstorfer: Das ist noch viel zu früh. Denn bei South-Stream steht ja noch nicht einmal die Trasse fest. Wir beteiligen uns aber gerne an der Konzeptentwicklung.
Es gibt Vermutungen, dass Russland durch South-Stream Nabucco schwächen und so verhindern will, dass Europa neue Lieferanten erhält.
Ruttenstorfer: Aus unserer Sicht ist das völlig falsch. Das eine ersetzt das andere überhaupt nicht. Es gibt auch Aussagen von Gazprom-Chef Alexander Medwedjew wo dieser sagt: Europa braucht so viel Gas, dass eine der Pipelines nicht einmal ansatzweise den Bedarf decken kann.
Andere Lieferanten würden aber die Macht Russlands schmälern. Und über die wird sich Russland zunehmend bewusst. So hat es im Gasstreit mit der Ukraine ja bereits einmal den Gashahn abgedreht.
Ruttenstorfer: Gerade Russland hat sich in der Vergangenheit immer als äußerst zuverlässiger Lieferant gezeigt. Und wenn in 40 Jahren einmal eine Handvoll Stunden die Versorgung zurückgeht, dann darf man nicht insgesamt die Versorgungsleistung in Frage stellen.
Für Nabucco wird man auch Gas aus dem Iran brauchen. Dort wollen Sie selbst Gas fördern. Aufgrund des Nuklearprogramms des Irans und des Negierens des Existenzrechts Israels durch den iranischen Präsidenten gibt es massive Kritik an diesem Engagement. Ist das für Sie kein Problem?
Ruttenstorfer: Wir sind der Meinung, dass wir so einen hohen zusätzlichen Gasbedarf haben, dass wir es uns nicht leisten können wesentliche Lieferanten auf lange Sicht auszuschließen. Wir haben also unsere Verantwortung wahrzunehmen, Mitteleuropa mit Gas zu versorgen. Weiters können wir darauf achten, dass in unserem Einflussbereich die Menschenrechte geachtet werden. Was wir nicht können ist, Regierungen zu verändern und die große Politik zu gestalten. Das ist Aufgabe der europäischen und der amerikanischen Außenpolitik. Und die tun das ja auch.
Stiehlt man sich so nicht aus der Verantwortung?
Ruttenstorfer: Es gibt verschiedene Verantwortungen. Wir müssen in unserem Einflussbereich auf Gesetze und Regeln achten. Aber für die internationale Weltpolitik sind wir nicht zuständig.
ZUR PERSON
■Wolfgang Ruttenstorfer verbrachte, bis auf ein kleines Zwischenspiel als Staatssekretär im Finanzministerium (1997-99), seine ganze Karriere in der OMV. Seit 2002 führt er den heimischen Ölkonzern als Generaldirektor.
■Unter seiner Führung wurde die Arbeit seines Vorgängers Richard Schenz fortgeführt. Die OMV wuchs kräftig und ist heute in Südosteuropa der bestimmende Ölkonzern. 2007 setzte die OMV mehr als 20 Mrd. Euro um und machte rund 1,6 Mrd. Euro Gewinn.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2008)