Bis Ende 2009 soll ein Viertel mehr „schwarzes Gold“ auf den Markt. Westliche Politiker erwarten nun eine Entspannung beim Ölpreis. Die Saudis wollen durch einen Hilfsfonds armen Ländern helfen.
Wien. Es gibt genug Öl, und es wird weiter fließen. Das ist die Kernaussage, mit der der saudische König Abdullah am Sonntag die Weltöffentlichkeit beim Ölgipfel in Jeddah beruhigen wollte. Noch im Juli soll die Förderquote in Saudiarabien um 500.000 Fass auf 9,7 Millionen Fass (je 159 Liter) am Tag steigen. Bis Ende 2009 will der Monarch die Produktionskapazität um rund ein Viertel auf 12,5 Millionen Fass am Tag erhöhen. Schon zuvor hatten Länder wie Kuwait oder die Arabischen Emirate die Ausweitung ihrer Ölproduktion in Aussicht gestellt.
Mehr Öl soll den Druck von den rapide gestiegenen Energiepreisen nehmen. Zusätzlich will Saudiarabien einen Fonds in Höhe von einer Milliarde Euro dotieren, um armen Ländern bei der Finanzierung des teuren Öls unter die Arme zu greifen. Dies entspricht ungefähr jener Summe, die Saudiarabien pro Tag durch den Ölverkauf einnimmt. Von westlichen Politikern wurde die saudische Ankündigung positiv aufgenommen. Welche Auswirkungen hat nun der Öl-Gipfel in Jeddah?
1. Kommt die Erhöhung der Fördermenge 2009 nicht zu spät?
Nein. Derzeit herrscht am Ölmarkt noch keine Knappheit von Rohöl. Die Raffinerien können sich weltweit genügend mit dem schwarzen Gold eindecken. Allerdings können die Fördersteigerungen bereits seit längerem nicht mehr mit der Erhöhung der Nachfrage Schritt halten. Dadurch haben sich die Reservekapazitäten verringert. Sie betragen derzeit nur rund zwei Milliarden Fass pro Tag. Um den Markt zu beruhigen, wären rund drei bis vier Milliarden Fass notwendig, sagen Experten. Diese Angst vor einer künftigen Ölknappheit ist ein wichtiger Treiber des Ölpreises, der in jüngster Zeit regelrecht explodiert ist.
2. Welche Auswirkung hat das auf den Preis?
Die Ankündigung von Saudiarabien und Kuwait, ihre Kapazitäten und auch die Förderung zu erhöhen, wenn dies vom Markt benötigt wird, sollte für Entspannung an den Ölmärkten sorgen. Allerdings beeinflussen auch andere Faktoren – wie Spekulationen – den Ölpreis.
3. Welche Länder können überhaupt noch mehr fördern?
Saudiarabien gilt als eines der wenigen Länder, das noch mehr Öl fördern kann. Derzeit produzieren die Saudis 9,2 Millionen Fass pro Tag. Sie kündigten nun an, ihre Kapazität bis Ende 2009 auf 12,5 und in weiterer Folge auf 15 Millionen Fass pro Tag zu erhöhen. Ebenfalls Potenzial hat der Irak, wo derzeit 2,5 Millionen Fass pro Tag produziert werden. Laut Experten wäre im Irak eine Produktion von sechs Millionen Fass pro Tag möglich. Allerdings wurden die Förderanlagen aufgrund der unsicheren Sicherheits-Lage noch nicht entsprechend ausgebaut. In den meisten anderen Ländern ist der Rückgang in den bestehenden Ölfeldern größer als der Zuwachs durch neue Kapazitäten. Besonders stark ist der Rückgang in der Nordsee. Weltweit werden derzeit 87,2 Millionen Fass pro Tag gefördert. Das maximale Fördervolumen liegt laut Schätzungen zwischen 100 und 120 Millionen Fass.
4. Warum haben die Saudis ein Problem mit dem hohen Preis?
Obwohl Saudiarabien stark von den Einnahmen ihrer Ölfelder abhängig ist, kann ein zu hoher Ölpreis für das Königreich ein Problem darstellen. Steigt die Weltwirtschaft aufgrund der Preissteigerung auf die Bremse, verlieren die Scheichs nicht nur ihre Abnehmer, auch die Milliarden an Petrodollars, die sie in Übersee investiert haben, würden stark an Wert verlieren. Außerdem bekommt die „alternative Konkurrenz“ durch den konstant hohen Ölpreis starken Aufwind, was die Nachfrage nach saudischem Öl auch langfristig dämpfen würde.
5. Warum sind manche Opec-Länder gegen eine höhere Förderung?
Manche Hardliner in der Opec sind strikt gegen preisdämpfende Maßnahmen. Sie verstehen die Ölwirtschaft weniger als ökonomischen sondern vielmehr als politischen Trumpf. So kann sich etwa der Iran hinter seinen Ölreserven verschanzen, denn der Westen weiß, dass jeder Angriff auf das Regime den Ölpreis nach oben treiben würde. Ein zweiter Vertreter dieser Gruppe ist der venezolanische Linkspopulist Hugo Chavez. Nachdem er westliche Ölkonzerne von den Quellen gejagt hatte, schwingt er die Ölpreis-Keule gerne auch im außenpolitischen Gefecht. Erst vor wenigen Tagen drohte er der Europäischen Union unverhohlen mit dem Stopp der Öllieferungen, sollte die EU ihre Regeln gegen illegale Einwanderung nicht überdenken.
6. Wie reagiert die Politik auf die Opec-Ankündigungen?
EU-Energiekommissar Andris Piebalgs erwartet nach dem Gipfel vom Sonntag, dass es nun zu einem Sinken des Ölpreises kommt. Andere Politiker – wie Österreichs Wirtschaftsminister Martin Bartenstein – sehen ein „richtiges Signal“ aus Saudiarabien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2008)