Eine halbherzig gegebene Bestandsgarantie kann auch der Freibrief zum Meuchelmord sein.
Sommeranfang, Zeit zur Rückschau? Die unerfreulichste Entwicklung der abgelaufenen Saison war wohl die verdeckte Kindesweglegung im ORF: Das RSO, eben im ungeahnten künstlerischen Höhenflug, wird zum Opfer der rigorosen Sparpolitik einer ORF-Führung, die angesichts saftiger Gebührenerhöhungen gar nicht daran denkt, die einzige Aufgabe eines öffentlich- rechtlichen Funks, die Wahrung eines „Kulturauftrags“ in irgendeiner Weise wahrzunehmen. Dass die – im übrigen exzellente – Kultur-Mannschaft am Küniglberg jemals wieder auch nur einen Zentimeter Bewegungsfreiheit für ihr ureigenstes Aufgaben-Gebiet erhalten könnte, ist nicht abzusehen. Geschweige denn, dass man ein endlich auf Weltniveau musizierendes Orchester in diese Aufgaben der Kulturvermittlung auf höchster Ebene einbinden würde.
Jene Kulturvermittlung wäre im übrigen das einzige, was einen öffentlich-rechtlichen österreichischen Rundfunk im EU-Konzert, einer Kakophonie hilflos kopierter amerikanischer Medien-Formate, unterscheidbar machen würde.
Stattdessen heißt es ausgerechnet im Musikland Österreich, der Erhalt eines Orchesters gehöre nicht zur Kernkompetenz einer Rundfunkanstalt – ein Satz, der jenseits der österreichischen Kultur-Ignoranz sonst bestenfalls in Entwicklungsländern ungestraft durchgehen würde.
Doch die Würfel sind gefallen: Der Vertrag des RSO-Chefdirigenten, der den künstlerischen Höhenflug initiiert hat, läuft aus. Ein Künstler ähnlichen Kalibers wird sich angesichts der Lippenbekenntnisse zu einer notdürftigen „Bestandsgarantie“ ohne Entwicklungspotenzial nicht finden.
Und die alte Mär wird wieder geraunt von der Reduktion des Aufgaben-Gebiets eines Rundfunkorchesters auf die zeitgenössische Musik. Deren Realisierung würde zwecks Budgetkürzung eine Verkleinerung des Radio-Orchesters auf Kammerorchestergröße ermöglichen. Nur: Gerade die Chance, von einem Orchester, das auch mit Beethoven und Dvorák international reüssieren kann, groß besetzte Neue Musik auf Spitzenniveau hören zu dürfen, garantiert dem Ensemble singulären Rang.
Echten Spezialisten-Ensembles vom Format des ebenfalls in Wien beheimateten Klangforums wird man in ihrem Stammbereich ohnehin nicht das Wasser abgraben können. Soll man auch nicht. Kommende Saison wird das Klangforum mit einem originellen Zyklus – an den „Sieben Todsünden“ vom Geiz bis zur Völlerei orientiert – im Konzerthaus einen breiten Querschnitt durch sein enormes Repertoire präsentieren. Welche künstlerische Höhe man erklommen hat, lehrt das internationale Renommee: Eben kehrt das Ensemble aus Paris zurück, wo man seine Stilsicherheit zur Uraufführung von Georg Friedrich Haas' Oper „Melancholia“ nutzte (hierzulande im Oktober beim steirischen herbst zu erleben). Die Kritik stellte Haas übrigens in eine Reihe mit österreichischen Größen „von Zemlinsky bis Bernhard, von Musil bis Jelinek“. Das kommt heraus, wenn man Kompetenz erkennt und zur Entfaltung kommen lässt. Das Land könnte noch viel mehr Lorbeeren dieses Formats ernten, würden die Verantwortlichen ihren Auftrag gegenüber der Kultur wahrnehmen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2008)