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Judith Holzmeister: Die Schönheit überstrahlend

(c) APA (Günter Artinger)
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Nachruf. Eine Königin des Theaters, die vier Jahrzehnte lang die "Burg" mit feinsinnigen Menschendarstellungen zu ihrer Heimat machte, starb 88jährig.

"Entsetzlich verschlossen, quälend gehemmt" - das vernichtende Urteil fällten die Lehrer an der Schauspielschule, als Judith Holzmeister wie Hofmannsthals Marschallin „frisch aus dem Kloster" ihrer Bestimmung zugeführt worden war. Im Haushalt des prominenten Architekten-Vaters, Clemens Holzmeister, war dem sensiblen Kind keine andere Wahl geblieben als zwischen den Kultur-Größen, die da ein und aus gingen, die Kunst, die Schauspielkunst als Berufung zu erkennen. Tila Durieux, die glamouröse Diva, gab ihr Privatstunden. Mutter Holzmeister hatte das eingefädelt, nachdem die Tochter auf offiziellem Weg in ihr Unglück zu laufen drohte. Und die Durieux knackte die unbeholfene Schale und befreite eines der herausragenden Schauspiel-Talente, die sich in jener Ära zeigten. 

In Privatlektionen entfaltete sich die Sprech- und Darstellungskunst mit stupender Geschwindigkeit. Eine im Innern brodelnde Leidenschaft, von der nur die junge Frau selbst zuvor wusste, und die sie allen Unkenrufen zum Trotz freizusetzen wünschte, war endlich entfesselt. Sogar im Urlaub, in Abbazia setzte man die Spiel- und Textstudien fort - und im Herbst staunten die Seminar-Leiter nicht schlecht, als eine völlig neue, eine faszinierende Persönlichkeit vor ihnen stand.

Schön war sie ja, eine strahlende, begehrenswerte Bühnenerscheinung. Das wurde Judith Holzmeister beinahe zum zweiten Verhängnis. Die Lust am Eindringen in interessante, problematische, verquere menschliche Figuren hatte die aufstrebende Schauspielerin zunächst über Jahre hin zurückzudrängen - zu Gunsten der unnahbaren Königinnen und edlen Fürstinnen, auch der liebenswert-naiven Vorstadt-Mädeln, die Willy Forst in verzweifelten späten Kriegsjahren zwecks Ertüchtigung der Durchhalte-Gesinnung auf die Kino-Leinwand zauberte.

Immerhin die Sappho, Emilia Galotti oder auch Schnitzlers Gabriele, das eine oder andere fragile Geschöpf in Shakespeares Komödien - sie wurden zu ersten Botinnen einer bemerkenswerten psychologischen Begabung, die sich angesichts der Theatersperre und der chaotischen ersten Nachkriegs-Monate an der Seite von Curd Jürgens, dem ersten Ehemann der Holzmeister, sogar in einer Wandertruppe, einer höchst edlen Wandertruppe freilich, die half, den nächsten, den wirklich großen Auftritt vorzubereiten: In der Wohnung der Doyenne des Burgtheaters, Hedwig Bleibtreu, wo „mit Hut und Handschuhen", Handkuss und Knicks die Aufwartung zu machen war: Das Mädchen durfte bleiben, zur scheuen Verehrung der Großen des Hauses - also zum Lernen.

Der "Blaue Brief" aus heiterem Himmel

Die „Burg" wurde zum Schicksal der Künstlerin, die großzügige Angebote ausschlug, um dem Haus, das bald tatsächlich auch „ihr" Haus war, treu zu bleiben - von den Schönheiten idealischer (etwa der Helena in „Faust II") oder fataler Natur (wie der Eboli in Schillers „Don Karlos") bis zu den Charakterrollen ganz und gar nicht glamourösen Zuschnitts, in denen sich - etwa in der Klytämnestra („Orestie") oder der Mrs. Peachum („Dreigroschenoper") - die andere Judith Holzmeister zeigte, die Menschen-Darstellerin universellen Zuschnitts, die aus dem Rollstuhl heraus Anfang der siebziger Jahre in Thomas Bernhards Bühnenerstling „Ein Fest für Boris" die Rolle der „Guten" zu einem Sprach-Ereignis machen konnte - und auch wenig später bei der ersten Burg-Premiere eines Bernhard-Stücks, der „Jagdgesellschaft", dank ihrer umwerfenden Präsenz einen Reinfall verhütete - Claus Peymann war der Regisseur. Er, Direktor geworden, dankte der großen Schauspielerin diesen Einsatz mit dem Blauen Brief - und versetzte eines der beliebtesten Mitglieder des Ensembles, das ganz selbstverständlich auch am ersten Abend des „Neuen Burgtheaters", 1955, an der Seite Ewald Balsers in Grillparzers „König Ottokar" auf der Bühne gestanden war, nach 38 Jahren „in den dauernden Ruhestand".

Auch wenn es später in Franz Moraks Inszenierung von Carol Oates' „Mondfinsternis" auf Betreiben Gertraud Jesserers ein Comeback im Akademietheater gab: Die Verwundung saß tief und sprach trotz milder Formulierungen aus den Wortmeldungen, die Holzmeister später noch zu entlocken waren. Hochgeehrt und ausgezeichnet mit dem Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst Erster Klasse und der Kainz-Medaille, starb Judith Holzmeister 88jährig am Montag früh in Baden bei Wien.