Vor hundert Jahren brachte eine Naturkatastrophe Verheerung über eine gottlob dünnst besiedelte Region. Die Ursache ist umstritten.
Golf spielen konnte man die ganze Nacht Anfang Juli 1908 in Großbritannien, und bei der „Times“ gingen körbeweise Briefe ein, in denen Leser berichteten, sie hätten die Zeitung noch zu spätester Stunde ohne Kunstlicht verschlingen können, so rosig sei der Himmel gewesen, ein „falscher Sonnenaufgang“. Der kam von weit her, und wer zeitlich und örtlich näher an seiner Quelle war, hatte weniger Anheimelndes zu berichten. „Der Himmel teilte sich und hoch oben erschien Feuer. Mir wurde so heiß, dass ich dachte, mein Hemd brennt. Ich wollte es herunterreißen, da schloss sich der Himmel, ein dumpfer Schlag knallte, ich wurde ein Stück weit weg geschleudert und verlor für einen Moment das Bewusstsein.“
So erinnerte sich 1930 ein Augenzeuge, der aus 65 Kilometer Entfernung erlebte, was in den Einöden Sibiriens geschah, am Fluss Tunguska, 1000 Kilometer nördlich des Baikalsees. Er berichtete es dem Forscher Leonid Kulik, der ab 1927 die Region erkundete, um herauszufinden, was geschehen war. Vorher hatte sich im russischen Reich niemand für das Ereignis interessiert, erst hatte der Zar andere Sorgen, dann festigten die Bolschewiki ihre Macht. Spät konnte Kulik sie bewegen, ihm eine Expedition auszustatten, er hatte ein starkes Argument: Er vermutete, ein Asteroid sei niedergegangen, und nach damaligem Stand waren solche Himmelskörper großteils aus Eisen, dieses Himmelsbergwerk wollte er erschließen.
A-Bombe? Antimaterie? Schwarzes Loch?
Er fand kein Eisen, sondern Zerstörung ohne Ende: Auf einer Fläche von 2150 Quadratkilometern lagen 80 Millionen Bäume flach, geknickt und versengt – nicht verbrannt – von irgendetwas, was eine Sprengkraft von 10 Megatonnen hatte, über 700 Mal so viel wie die Bombe von Hiroshima. Als dann die explodiert war, kam sie als mögliche Ursache ins Spiel: Der Russe Alexander Kazantsey erklärte 1946, das Ereignis von Tunguska sei ein Unfall eines nukleargetriebenen Raumschiffs von Außerirdischen gewesen. Kazantsey war Science-Fiction-Schreiber, aber auch seriöse Forscher überboten einander an Kandidaten: Es sei ein Himmelskörper aus Antimaterie gewesen, es sei ein Schwarzes Loch gewesen, es sei ein deuteriumreicher Meteor gewesen, der in Kernfusion geraten sei (Nature, 453, S. 1157).
Alle diese Ideen hatten einen Kern: Irgendetwas ist hoch oben in der Atmosphäre explodiert. Aber auch Kuliks Vorstellung blieb lebendig: Irgendetwas ist in die Erde hineingefahren. Das Problem ist nur, dass es keinen Einschlagskrater gibt. Um so größer war im Vorjahr die Überraschung, als eine italienische Gruppe wissen ließ, sie habe einen Einschlagsort gefunden, es sei zwar kein Krater, aber immerhin ein trichterförmiges Loch, das sich nach dem Einschlag („Impakt“) mit Wasser gefüllt habe und heute „Tscheko-See“ heißt.
Explosion eines Meteoriten!
„Diese Hypothese passt vorne und hinten nicht, es war kein Impakt, man hätte ja auch Bruchstücke finden müssen, es gibt aber nicht einmal mikroskopische“, erklärt Christian Köberl, Geochemiker und Impakt-Spezialist der Uni Wien, der „Presse“: „Es war die Explosion eines Stein-Meteoriten in zehn Kilometer Höhe.“ Deshalb wurde dem Augenzeugen so heiß, deshalb kohlte der Wald an – Infrarot kommt mit Lichtgeschwindigkeit –, aber deshalb kohlte er auch nur an, die Druckwelle – sie kommt mit Schallgeschwindigkeit – löschte die Feuer und warf den Augenzeugen um.
Dass so etwas möglich ist, konnte lange nur berechnet werden, aber der Kalte Krieg ermöglichte das direkte Beobachten: „Die Spionagesatelliten, die nach Atombombenexplosionen Ausschau halten, sehen solche Meteor-Explosionen in der oberen Atmosphäre relativ oft, mit Stärken bis zu mehreren Kilotonnen TNT. Tunguska mit seinen 10 Megatonnen war in einer anderen Liga, so einer kommt nur alle paar hundert Jahre.“
Und die nächtelange Illumination des Himmels über England? Sie kam vom Explosionsstaub, er streute das Sonnenlicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2008)