Der New Yorker Börseindex Dow Jones fiel auf den tiefsten Stand seit fast zwei Jahren. Auch in Europa dämpft die mögliche EZB-Leitzins-Erhöhung die Stimmung.
Die Negativfaktoren kennen die Anleger bereits zu gut: Auch diese Woche hat der Ölpreis ein neues Rekordhoch erreicht und haben Schauermeldungen aus der US-Finanzlandschaft die Weltbörsen belastet. Der Ölpreis ist am Donnerstag zum ersten Mal in seiner Geschichte über 140 Dollar (88,9 Euro) gestiegen, der Dow Jones daraufhin an einem Tag um über drei Prozent auf beinahe 11.400 Punkte auf den tiefsten Stand seit fast zwei Jahren gefallen. Auch in Europa fiel der EuroStoxx50 auf knapp 3.300 Punkte auf ein neues Jahrestief. Der DAX sank im Wochenabstand um 2,5 Prozent, der Nikkei gab knapp drei Prozent nach. Die mögliche EZB-Zinserhöhung kommenden Donnerstag und die hohen Ölpreise lassen auch nächste Woche keine größere Erholung erwarten, meinen Analysten.
Als Folge der anhaltend hohen Preise für Rohstoffe haben sich weltweit trotz eines sinkenden Wirtschaftswachstums die Inflationssorgen deutlich erhöht, kommentierte Gerald Walek von der Erste Bank. Volkswirte mahnen vermehrt vor dem "Stagflations-Gespenst". Damit bezeichnen Experten eine Kombination aus Stagnation und Inflation, in der klassischen Instrumente staatlicher Konjunkturpolitik wie Investitionsprogramme oder Steuerreformen völlig versagen. Anfang der 70er Jahre hatte ein Ölpreisschock schon einmal eine "Stagflation" ausgelöst.
US-Konsumentenstimmung: 16-Jahrestief
Die US-Konsumentenstimmung fiel Anfang der Woche auf ein neues 16-Jahrestief. Sollte der Ölpreis nicht wieder sinken, sei gegen Jahresende eine deutliche Abschwächung von US-Konsum und Gesamtwirtschaft unvermeidlich, meinen die Analysten der RZB. Sie gehen in diesem Fall für die USA ab dem vierten Quartal von einer Rezession aus.
Für Aktien ist eine Stagflation ein "denkbar ungünstiges Umfeld". Die Erste-Analysten empfehlen, in so einer Phase nur in Firmen mit einer möglichst nachhaltig hohen Verzinsung auf das eingesetzte Kapital zu investieren.
Die Inflationsrate im Euro-Raum liegt seit Monaten deutlich über dem gewünschten Wert von knapp zwei Prozent und hat im Mai mit 3,7 Prozent einen Rekord erreicht. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat deshalb für Juli eine Zinserhöhung auf 4,25 Prozent signalisiert. Die US-Notenbank Fed dagegen habe auf die Inflationskrise und die Inflation deutlich weniger Einfluss, nachdem sie zuvor massiv Dollar in den Markt gepumpt hat, um die Liquidität der angeschlagenen US-Banken sicherzustellen.
Goldman Sachs hat diese Woche in einem Sektorreport die US-Finanzbranche dennoch auf Neutral abgestuft. Besonders Merrill Lynch und Citigroup könnten demnach vor neuerlichen Milliarden-Abschreibungen stehen, zudem könnte dies bei Merrill eine neuerliche Gewinnwarnung bewirken. Beide Aktien sind daraufhin stark gefallen. Auch die einst hoch angesehenen Unternehmen Fannie Mae und Freddie Mac verloren zwischen zehn und 15 Prozent, nachdem zahlreiche Analysten die Gewinnprognosen für das laufende Jahr gesenkt hatten.
Wenig zu jubeln hatten diese Woche auch die Automobilkonzerne. Weil der Minengigant Rio Tinto einen Eisenerz-Preisanstieg von fast 100 Prozent durchgesetzt hat, müssen sie mit höheren Belastungen rechnen. GM und Ford wollen die Produktion drosseln. Auch die Paketdienste FedEx und UPS haben die Gewinnerwartungen gesenkt. Sie gelten generell als wichtige Konjunktur-Indikatoren.
Für die nächste Woche erwarten die Analysten zwar durchaus erneut starke Kursschwankungen, aber insgesamt weiter einen schwachen Verlauf. Trotz einiger spannender Konjunkturdaten in der Eurozone, wie Arbeitslosenrate, Einzelhandelsumsätze und Einkaufsmanagerindex neben der EZB-Zinsentscheidung rechnen die Raiffeisen-Experten mit keinen positiven Impulsen für die Märkte in Europa. Auch in den USA warten wichtige Konjunkturdaten vor allem vom Arbeitsmarkt. Die RZB-Analysten rechnen aber auch erst im zweiten Halbjahr mit einer Stabilisierung.
(APA)