Wolkenbrüche über dem RSO

(c) APA (Herbert Neubauer)
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Chefdirigent Bertrand de Billy attackiert ORF-Spitze wegen gebrochener Versprechen. Christiane Goller wird neue Orchester-Managerin.

Die Generalprobe für das Gala-Konzert vor dem Schloss Schönbrunn mit den Sänger-Stars Anna Netrebko, Rolando Villazón und Plácido Domingo war am Donnerstag durch ein Unwetter erheblich gestört. Das Radio- Symphonieorchester (RSO) wurde ordentlich durchnässt. Am Freitag, dem Tag der Aufführung, ließ RSO-Chefdirigent Bertrand de Billy ganz im eigenen Namen ein Gewitter folgen. Bei einem Pressegespräch im Sacher schleuderte er Blitze gegen ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz und Ö1-Chef Alfred Treiber: Er wirft ihnen vor, dass seine Mannschaft ausgehungert, ausgegliedert, prinzipiell missachtet werde. „Es ist fünf Sekunden vor zwölf“, drängte er auf positive Entscheidungen für das RSO (Jahresbudget: 8,5 Mio. €), dessen Managerin Haide Tenner im August in Pension gehen wird.

Treiber sei „bekanntermaßen seit jeher einer der aggressivsten Orchesterfeinde des Unternehmens“, sagte de Billy. „Ein führender Abteilungsleiter eines Unternehmens äußert sich nicht derartig unverschämt über eine der erfolgreichsten und anerkanntesten Abteilungen des Hauses, wenn er sich nicht der Rückendeckung der Führung bewusst ist.“ Treiber hatte nach ersten Kontroversen im April (laut de Billy im „Kurier“) erklärt, dass der „Schwanz“ (das RSO) mit dem „Hund“ (Ö1) zu wedeln versuche.

Über Wrabetz sagte nun der Dirigent, der seit 2002 und planmäßig bis 2010 das Orchester leitet: „Er hat mir gegenüber jedes Versprechen gebrochen.“ Derjenige, der jetzt „so unverschämt von Ausgliederung spricht, ist jener Alexander Wrabetz, der bei seinem Hearing davon gesprochen hat, das RSO zu einem der drei führenden Rundfunkorchester Europas zu machen“.

Auf Tenner folgt erst Scheib, dann Goller

De Billy erwartete einen Ausbau des Orchesters auf 105 Mitglieder, derzeit gebe es 89 plus zehn Akademiestellen. Faktisch aber arbeite der ORF auf eine Abschaffung des RSO hin, mutmaßt er. De Billy wünschte sich zudem einen Orchester-Manager von außerhalb des Unternehmens, der auch Agentur-Erfahrung hat. Der sei auch bestens geeignet. Zu internen Lösungen hegte de Billy starke Zweifel. „Einem Kandidaten habe ich gesagt, er könne das nicht, er könne eine Posaune nicht von einem Englischhorn unterscheiden!“ De Billy forderte erneut die Anstellung seines Kandidaten, eine Bestandsgarantie und keine Ausgliederung.

Der ORF reagierte prompt, aber nicht im Sinne seines Chefdirigenten. Zwei Stunden nach der Verlautbarung von de Billy wurde per Aussendung die neue Führung des RSO bekanntgegeben: Wrabetz stimmte dem Vorschlag von Hörfunkdirektor Willy Mitsche zu, dass mit Jahresende Christiane Goller zusätzlich zur Leitung des ORF-Radiokulturhauses das Management des Orchesters übernimmt. „Sie ist eine erfolgreiche und anerkannte, hervorragend vernetzte Kulturmanagerin.“ Interimistisch wird ab August Christian Scheib einspringen. Er leitet die Musik-Redaktion in Ö1, die bisher auch von Tenner geführt wurde.

Goller, die sich derzeit in Karenz befindet, freute sich über die zusätzliche Aufgabe: „Es ist ein großartiges Orchester, das hohe Meriten für die neue Musik und ein umfangreiches Repertoire hat.“ Das sei auch de Billy zu verdanken. „Ich verstehe seine Ängste. Er wird in mir eine engagierte Mitstreiterin haben.“ Allerdings hat Goller, die zehn Jahre am Konservatorium Geige spielte und im Kulturmanagement als äußerst erfolgreich gilt, keine Befürchtungen wegen einer künftigen Ausgliederung: „Ich sehe darin keine Verschlechterung a priori. Auch das RSO muss einen Beitrag zum Sparkurs des ORF leisten. Den wollen wir aber nicht durch Personaleinsparungen bewirken, sondern durch mehr Erlöse und auch durch Sponsoren.“ Das hohe Niveau des Orchesters müsse gehalten werden. Gemeinsam mit Wrabetz und Mitsche werde man nach einem Nachfolger für de Billy suchen.

Der Hund und der Schwanz

Weniger sanft als Goller bewertete die ORF-Führung die Attacken de Billys: „Wäre der Herr Dirigent Mitglied einer Führungsebene, gäbe es nur eine Konsequenz – in einem normalen Wirtschaftsunternehmen würde dies die Kündigung bedeuten. De Billy hat aber einen Künstlerbonus“, hieß es im Umkreis der Generaldirektion. Ö1-Chef Treiber konterte de Billy in einem offenen Brief mit viel Ironie. Er, Treiber, neige eben zur Unverschämtheit, aber der Dirigent habe es „in den vielen Jahren Ihrer unbestreitbar erfolgreichen Tätigkeit nie der Mühe wert gefunden, auch nur ein einziges Mal mit mir zu reden“. De Billy sei nicht objektiv und an Tatsachen interessiert. „Keinen Spaß verstehe ich, wenn Sie bewährte Mitarbeiter in der Öffentlichkeit diskreditieren. Frau Goller hat sich lange Jahre hindurch als Kulturmanagerin qualifiziert.“ Es sei nicht klug, einer zukünftigen Kollegin via Presse mitzuteilen, dass man nichts von ihr halte. „Aber Sie sind ja ein Künstler, sie müssen nicht klug sein, sondern gut.“

De Billy hatte zuvor gegenüber der APA von einer schlechten Lösung gesprochen. Er habe Goller bei einem früheren Gespräch gesagt, er glaube nicht, dass sie das könne. „Das habe ich auch Generaldirektor Wrabetz mitgeteilt. Für mich ist das ein Zeichen der Missachtung des Orchesters: Das ist kein professioneller Manager mit Orchestererfahrung.“ Die Synergien seien nicht zu erkennen, er kenne auch kein schriftliches Konzept der neuen RSO-Chefin. „Das Konzept von Mitsche lautet: sparen.“

Rabl-Stadler: Klares Bekenntnis zum RSO

Treiber wiederum fügte eine Drohung an den Dirigenten hinzu: Er nehme das Ganze nicht so ernst, das könne es aber noch werden, „wenn de Billy weiter die Aufstockung des Orchesters fordert und Ö1 gleichzeitig permanent Dienstposten einsparen muss“.

Die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, verteidigte de Billy: „Ich halte es für völlig falsch wenn die ORF-Führung wellenartig immer wieder das RSO in Frage stellt.“ Rabl-Stadler, die auch im Stiftungsrat des ORF sitzt, hat Wrabetz bei der letzten Sitzung darauf angesprochen: „Er hat sich zum Orchester bekannt“, umso überraschter sei sie nun von der Kehrtwende der Geschäftsführung. Auslöser dafür könnte allerdings sein, dass bis gestern kein geeigneter Orchester-Manager gefunden war. Schließlich gebe es im Kulturbetrieb Vorlaufzeiten von mehreren Jahren: „Wenn Sie für 2013 einen Wagner-Sänger buchen wollen, werden Sie keinen mehr finden, denn 2013 ist ein Wagner-Jahr.“

Rabl-Stadler fordert vom ORF eine Garantie in drei Punkten: „Wenn man ein Orchester haben will, muss das eine gewisse Anzahl von Mitgliedern haben – da kann man nicht sagen: Wir besetzen jetzt einmal keine Oboen nach.“ Abgesehen von dieser „ordentlichen Ausstattung“ müsse der ORF sich klar zum Orchester bekennen – noch dazu in Zeiten, in denen „der ORF es dringend braucht, sein öffentlich-rechtliches Profil zu stärken“. Zum dritten müsse ein Manager gefunden werden, der dem RSO zu mehr Eigeneinnahmen verhilft.

Einen weiteren Punkt führt Festspiel-Präsident Rabl-Stadler an: „Es ist Wahnsinn, Bertrand de Billy zu verärgern“. Er sei ein Dirigent, „um den sich Orchester in ganz Europa reißen“ – und der heuer außerdem den Salzburger Festspiel-Auftakt „Don Giovanni“ gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern bestreitet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2008)

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