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Ein Abenteuer namens Privatwirtschaft

Sicher ist sicher.
(c) Bilderbox.com
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Wer hierzulande den Begriff Wirtschaft mit dem Staat verbindet, liegt ganz richtig. So ist das eben in einem Land, in dem es sechs von zehn Jus-Studenten nach ihrer Zeit an der Uni in den öffentlichen Dienst zieht.

Als sich in der Vorwoche abzuzeichnen begann, dass es mit der Aufwertung der längst dienenden Zukunftshoffnung der ÖVP zum Innenminister wohl nichts werden wird, soll Josef Pröll der Kragen geplatzt sein: Sollte ihm das prestigeträchtige Innenressort vorenthalten werden, überlege er sogar einen Wechsel in die „Privatwirtschaft“, wie Parteifreunde des Landwirtschaftsministers beim Bauernbundtreffen in Innsbruck gehört haben wollen. Was für ein todesmutiger Hasardeur!

Allein die Verwendung des Begriffs „Privatwirtschaft“ ist schon interessant. Das ist ungefähr so, als erklärte uns jemand, sich demnächst eine „Jeans-Hose“ kaufen zu wollen. Oder beim Italiener am liebsten „Spaghetti-Nudeln“ zu verdrücken, um sich hinterher noch einen kleines „Grappa-Schnapserl“ zu gönnen. Während es in den meisten Ländern der nördlichen Halbkugel eine Selbstverständlichkeit ist, dass mit der Wirtschaft keinesfalls der Staat gemeint ist, muss man das in Österreich ausdrücklich dazu sagen.

Das wissen nicht zuletzt die Journalisten. Immer wieder werden sie von interessierten Freunden gefragt, ob sie sich auch einen Job in der Privatwirtschaft vorstellen könnten. Abgesehen davon, dass ein ausgewähltes Massenmedium seit wenigen Tagen von der SPÖ zum Staatsverlautbarungsorgan geadelt wurde, bewegen sich Medien noch immer in der „Privatwirtschaft“. Zu der die Bürger dieses Landes traditionell ein stark unterkühltes Verhältnis pflegen.

Im Gegensatz dazu ist die Beziehung zum „Vater Staat“ eine nahezu liebevolle. Wird in Österreich beispielsweise ein vor der Pleite stehendes Staatsunternehmen an „private“ Investoren verkauft, läuft dieser Vorgang gerne unter dem Begriff „verscherbeln“. In den Augen vieler Menschen ist der Staat nicht nur ein begabter Eigentümer, sondern auch ein beliebter, weil gutherziger und verlässlicher Chef. Sechs von zehn Jus-Studenten versuchen laut einer im Vorjahr veröffentlichen Umfrage, nach dem Studium im Staatsdienst unterzukommen.

Jahrzehntelang bildeten Österreichs Fakultäten auch tatsächlich in erster Linie für den Staat aus: Vor zehn Jahren landete noch jeder zweite Student der Universität Wien im Staatsdienst. Die Attraktivität des Arbeitgebers Staat wird auffallend stark mit der Sicherheit des Arbeitsplatzes und dem Begriff „Work-Life-Balance“ erklärt. Auf Deutsch: möglichst viel Freizeit, kombiniert mit einem einigermaßen vertretbaren Lohn und einer De-Facto-Pragmatisierung.


Die Angst vor dem Scheitern

Nicht wirklich brennend ist hingegen der Wunsch der Österreicher, sich mit einer eigenen Geschäftsidee zu verwirklichen und als eigener Herr sein Berufsleben zu bestreiten. Ungeachtet der viel zitierten Gründer-Welle erachten laut jüngst „Global Entrepreneurship Monitor“ (2007) hierzulande gerade einmal 2,44 Prozent der Bürger zwischen 18 und 64 Jahren die Selbstständigkeit für erstrebenswert. In keinem der 42 untersuchten Länder ist das Image der Selbstständigkeit schlechter. Gegenüber der letzten Studie aus dem Jahr 2005 hat sich das Interesse an der Selbstständigkeit halbiert. Besonders aufschlussreich ist die Begründung der Studienautoren für den starken Rückgang: Ausschlaggebend sei nicht etwa die schlechte Wirtschaftslage, sondern das exakte Gegenteil davon und die daraus resultierende Entspannung am Arbeitsmarkt.

Die Wirtschaftsuniversität Wien fragte vor knapp einem Jahr die angehenden Absolventen, in welche Berufe es sie nach durchschnittlich 6,5 Jahren Studienzeit denn so ziehe. Das Interesse an der „Privatwirtschaft“ ist bei den Wirtschaftsstudenten zwar deutlich stärker ausgeprägt als bei den Juristen – nur acht Prozent der WU-Abgänger wollten demnach beim Staat anheuern. Unklar ist allerdings, wie viele Absolventen in die Selbstständigkeit drängen. Danach wurden sie nämlich nicht gefragt. Befragungen aus früheren Jahren zufolge dachten jedenfalls weniger als zehn von 100 WU-Studenten daran, ihr eigener Chef zu werden.


Die verflixten ersten fünf Jahre

Das liegt nicht nur am immer noch dichten Behördendschungel. Experten sprechen auch von einer mentalen Sperre in den Köpfen der Österreicher: Sie scheuen das hohe Risiko. Eine nicht ganz aus der Luft gegriffene Furcht. Viele Jungunternehmer wissen relativ rasch um die doppelte Bedeutung des Wortes Selbstständigkeit: Selbst arbeiten – und das auch noch ständig. 60 Prozent der heimischen Unternehmer erwirtschaften jährlich weniger als 18.900 Euro Gewinn, laut Wirtschaftskammer Österreich überlebt eines von drei frisch gegründeten Unternehmen die ersten fünf Jahre nicht.

Wer hierzulande in die Pleite schlittert, steht nicht nur vor den Trümmern seiner finanziellen Existenz, sondern auch vor einem gewaltigen sozialen Problem. „Pleitiers“ werden hierzulande kaum noch gegrüßt und selbst von „Freunden“ geächtet.

Ganz anders ist die Lage in den USA, wie das Beispiel Steve Jobs zeigt. Mit 22 Jahren gründete er in der Garage seiner Adoptiveltern die Firma Apple – ein Jahr später verdiente Jobs seine erste Million Dollar, mit 25 war er so etwas wie der Bob Dylan der Computerwelt. Mit 30 wurde es allerdings ungemütlich: Als Jobs aus der Apple-Führung verdrängt wurde, gründete er mit Next eine neue Firma, mit der er fast sein gesamtes Vermögen und seine Reputation verlor – bevor sich das Blatt wendete und er über die Filmbranche ein eindrucksvolles Comeback schaffte. Zum Glück war Jobs kein Österreicher – hier hätte er sich am Ende noch in der „Privatwirtschaft“ durchsetzen müssen.


franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2008)