Wenn die Birne die Lösung ist

Ein Baudenkmal von europäischem Rang: die „Stadt des Kindes“ in Wien-Penzing. Jetzt soll sie zum Großteil abgerissen werden – trotz Protesten im In- und Ausland. Der Grund: Profitmaximierung.

Eine Wienerin und ein Wiener schildern Kindheit und Jugend in der „Stadt des Kindes“ in Wien-Penzing. Hier hatte Angela Luft nach schlechten frühen Kindheitserfahrungen mit acht Jahren „Schutz und Sicherheit“ gefunden. Sie hatte Selbstvertrauen und Freiheit gewonnen, um ihre Fähigkeiten und Talente zu entwickeln, konnte in einer großen Gemeinschaft sozialisiert werden. Auch Mario Hofer bedauert die 2002 erfolgte Schließung des international viel beachteten Modells einer offenen Idealstadt für Kinder und Jugendliche, dessen gemeinschaftliche Kultur-, Sport- und Freizeitbereiche auch der Nachbarschaft zugänglich waren. „Ein Stück Heimat“ würde für ihn verloren gehen, wenn der Großteil der „Stadt des Kindes“ abgerissen werden sollte. Diese Demontage peilen die beiden Eigentümer, Arwag und Wiener Heim (Mischek), zwei der Stadt Wien nahestehende Bauträger, an.

Die beiden ehemaligen Bewohner betrachten die heutige Betreuung von Kindern in kleineren, dezentralen Wohngemeinschaften skeptisch. Diese Doktrin führte neben der Schließung von Kinderheimen als Disziplinierungsanstalten für schwer erziehbare Kinder auch zur Eliminierung der 1974 eröffneten Alternative, der „Stadt des Kindes“.

Anton Schweighofer hatte damals dem sozialpädagogischen Konzept der Stadträtin Maria Jacobi seine außergewöhnliche architektonisch-städtebauliche Form gegeben. Der Architekt organisierte die vielfältigen Nutzungsangebote wie Jugendclub, Schwimmbad, Theater, Turnsaal entlang einer inneren Fußgängerstraße mit Platzbildungen. Die Familiengruppen mit autonomer Betreuung lebten in fünf mehrgeschoßigen Wohnhäusern unmittelbar am weitläufigen Park im Süden.

Nach Durchsickern der Abrisspläne vor wenigen Wochen lud die „Österreichische Gesellschaft für Architektur“ zur Solidaritäts-Bauvisite vor Ort und organisierte vergangenen Dienstag mit Docomomo Austria – dem Berater der Unesco für die Architektur der Moderne – eine Pressekonferenz. Auf dem Podium herrschte Einigkeit, dass im sozialpädagogischen Spektrum neben den dezentralen Wohngemeinschaften auch die „Stadt des Kindes“ Platz finden sollte. So könnte jedem Heranwachsenden der für ihn optimale Entwicklungsraum geboten werden.

„Die Stadt Wien verabsäumte es, rechtzeitig für einen ihrer genuinen sozial-, kultur- und baugeschichtlichen Pionierbauten nachdem Verlust der Ursprungsfunktion eine adäquate neue Funktion zu finden“, kritisiert der Architekturpublizist Otto Kapfinger das Vorgehen der Stadt: Die Überantwortung dieses Gebäudes an einen Wohnbauträger musste zu großen Schwierigkeiten führen. Die Bauträger strebten eine Gewinn maximierende Vertragsänderung mit Abbruchsmöglichkeiten an: „Das neue Konzept der Bauträger beruht auf der Planung der Architekten Stelzhammer, Lindner und Weber. Architekt Schweighofer war in den Planungsprozess miteingebunden“, ließ Wohnbaustadtrat Michael Ludwig als „Lösung für ,Stadt des Kindes‘“ verlauten. Beides ist falsch. Die „Abriss-Lösung“ stammt nicht von den drei Architekten, Schweighofer wurde damit nur einseitig konfrontiert.

2007 war es den drei Architekten gelungen, durch mehrfach nachjustierte Planungen und Berechnungen die Niedrigenergie-Kennzahlen der Wiener Wohnbauförderung (sogar von Neubauten!) zu erreichen und zudem die Nettonutzfläche deutlich zu erhöhen. So schien alles unter Dach und Fach zu sein, die Bauträger gaben sich aber damit nicht zufrieden. Ihr Abbruchsargument war eine angeblich noch immer zu hohe Kostenschätzung, die nicht einmal die drei Architekten zu Gesicht bekamen.

Daher wird nun in einem von zahlreichen namhaften Institutionen, bekannten Architekten, Kunsthistorikern und Künstlern unterfertigten Protestschreiben eine unabhängige Kostenüberprüfung gefordert, um Alternativen zum Abbruch zu finden. Auch zahlreiche Unterstützungsschreiben aus dem Ausland kritisieren das „Armutszeugnis, dass die Spekulation bedeutendes bauliches Erbe zerstören darf“ (Dietrich Worbs). In der Petition (www. ipetitions.com/petition/stadtdeskindes) wird die Stadt Wien aufgefordert, „ihrer vielfach deklarierten baukulturellen Verantwortung nachzukommen und, in einer offenen, fachkundig und frei von Verwertungsinteressen geführten Diskussion, mit dem Bestand kompatible Nutzungskonzepte zu entwickeln“.

Eine Gruppe von Aktivisten übergab Wohnbaustadtrat Michael Ludwig die Petition. Die Forderung von Sabine Gretner (Grüne) nach Absetzung des Tagespunkts „Stadt des Kindes“ am Mittwoch wurde ignoriert. Beim Stand von rund 500 Unterschriften auf der stetig wachsenden Petition gaben SPÖ und ÖVP grünes Licht für einen Teilabbruch, der nun täglich erfolgen kann.

In Fachkreisen besteht kein Zweifel über das „Baudenkmal von europäischem Rang“ (Dietrich Worbs). Daher forderten 2004 die beiden Denkmalpflege-NGOs Docomomo und Icomos sowie Institute der Technischen Universitäten München, Zürich und Wien und der Akademie der bildenden Künste, die Bundessektion der Architektenkammer, Architektur in Progress, die Architekturstiftung Österreich und das Netzwerk Denkmalschutz die Unterschutzstellung des architekturhistorisch bedeutenden Bauensembles.

Diese Bemühungen scheiterten an Georg W. Rizzi, dem ehemaligen Präsidenten des Bundesdenkmalamts (BDA). Dem Objekt – soseine Begründung von 2002 – sei in seinem „gegenwärtigen Baubestand zwar durchaus architektonische Bedeutung beizumessen, doch kann sie angesichts der für die weitere Existenzfähigkeit des Baukomplexes absehbaren unumgänglichen Veränderungen nicht die Grundlage für ein öffentliches Interesse an der Erhaltung abgeben“.

Die Volksanwaltschaft übte massive Kritik an der verworrenen Argumentation. Der Passus im Denkmalschutzgesetz bezieht sich auf einen problematischen „statischen oder sonstigen substanziellen (physischen) Zustand“ zum „Zeitpunkt der Unterschutzstellung“, sodass eine falsche Gesetzesauslegung zur Verweigerung des Denkmalschutzes führte. Als Kompromiss sollten Architekt Schweighofer als „Kontrollor“ und das BDA die Umnutzung unter respektvoller Wahrung der Bausubstanz begleiten. Diese Vereinbarung verlor ihre Grundlage, da ein Abriss die Betreuung zur „Sterbebegleitung“ machen würde.

Seit 2002 hat sich Gravierendes verändert. Die neue BDA-Präsidentin Barbara Neubauer gibt sich engagiert. Hatte sie noch 2004 erklärt, dass für ein „objektives Urteil“ über eine Denkmalwürdigkeit „mindestens 50 Jahre verstrichen“ sein müssten, so bekennt sie sich heute zum Schutz bedeutender Bauwerke der 1960er- bis 1980er-Jahre, damit nicht eine „ganze Architekturgeneration verloren geht“. Da ist in Österreich viel aufzuholen, Kulturministerin Claudia Schmied ist gefordert, das personell und finanziell ausgehungerte Denkmalamt aufzurüsten.

Was helfen würde, ist eine adäquate Nutzung. Als Alternativen zum geplanten Auffüllen der Anlage mit relativ kleinen Wohnungen – ein Drittel soll frei finanziert werden – wurden bereits zahlreiche öffentlich-soziale Nutzungen angedacht. Noch bleibt das Prinzip Hoffnung. ■